Roamin’ around
Let’s take a walk with no point and no purpose
just get outside and go around the block
Im kind of bored and so are you, let’s go kill an hour or two
Just take a walk with no point an no purpose
Cause I got nothing on my mind
I wonder what I may find
My shoes are the only sound
Roamin’ around
Die vermeintliche Magen-Darm-Grippe hatte ich mithilfe der von einem Freund meines Vaters empfohlenen Grog-Therapie zu kurieren versucht. Leider hatte ich keinen Rum zur Hand, und hatte mich daher mit einer Viertelflasche Ballantine’s Whisky begnügen müssen, die ich mit Erkältungstee mischte. Zur Magen-Darm-Grippe mutierte die anfängliche Erkältung dann auch erst am nächsten Morgen, wobei unklar bleibt, ob dabei ein Zusammenhang zum Whisky bestand. Aber das ist eine andere Geschichte. Da die Flasche Whisky nun leer war, musste ich mir am nächsten Abend eine andere Beschäftigung ausdenken. Irgendwie musste ich in den Schlaf finden. Mein übliches Schlafmittel hatte ich irgendwo verlegt, an Alkohol traute ich mich aufgrund der morgendlichen Erfahrung zunächst nicht heran. Gegen Mitternacht entschied ich mich dann zum guten alten Kiez-Spaziergang, der insbesondere zu Zeiten der Melancholie und der Scheißerei aber auch in jeder anderen Lebenslage eine beruhigende Wirkung zu entfalten versprach.
Zunächst schlich ich zu den üblichen Verdächtigen – meinen Stammkneipen. Von außen war aber niemand mir bekanntes zu erkennen, und ich kann nicht einfach in eine Kneipe gehen, in der ich niemanden kenne – erst recht nicht in beklagenswert nüchternem Zustand. Somit hatte sich die Bier-Frage ziemlich schnell beantwortet. Welch einen Segen stellen die Spätis dar. Mein Vater stellte bei einem vergangenen Friedrichshain-Besuch all seine Auffassungsgabe mit der absolut korrekten Feststellung unter Beweis: “An jeder Ecke ein Spätkauf und auf der Straße haben alle ein Bier in der Hand. Ich komm mir ganz nackt vor.”
Überraschend schnell begegnete ich Menschen, die ich kannte. Ich wurde gar eingeladen, sie zu einer WG-Party zu begleiten. Nun muss man sich das Dilemma vorstellen, in dem ich mich befand. Natürlich war diese Einladung genau das, wonach ich mich den ganzen Tag gesehnt hatte, während ich depressiv und einsam depressiver und einsamer wurde. Leider war ich inzwischen auf einem Derpressionsniveau psychiatrischen Ausmaßes angelangt, das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorhersagte, dass eine WG-Party voller toller Frauen nun nicht unbedingt stimmungsaufhellend wirken würde. Ich erklärte also höflich meinen Verzicht, um diese Entscheidung noch vor der Äußerung zu bereuen. Dennoch – das Gefühl, in einer Großstadt wie dieser nur kurz vor die Tür gehen zu üssen, um Leite zu treffen, die man kennt, und dann noch direkt eine Party-Einladung zu erhalten, baute mich durchaus auf. Ich kaufte mir im Späti noch ein Bier.
In der Niederbarnimstraße randalierte ein Prolet. Mehrmals drohte er seiner Freundin „vor den Kopp zu treten.“ Das fand ich ziemlich unangebracht und wollte mich vergewissern, dass er das nicht tun würde beziehungsweise wenn er es denn tun würde, als Zeuge bereitstehen, wenn nicht gar als Held einschreiten, wobei ich mich da nicht festlegen wollte. Sofern ich sein cholerisches Genuschel richtig verstanden habe, ging es um einen vermissten Schlüssel, den die junge Dame gesucht und gefunden hatte, während der alkoholisierte Choleriker auf der Eingangstreppe alkoholisiert und cholerisch gewartet hatte. Zu meiner Überraschung ließ sie den besagten auch noch ins Haus, wo er sofort fleißig begann, gegen Briefkästen, Haustür und Wände zutreten, während er sich ständig wiederholenden, niveaulosen Unflat von sich gab. Wieder überlegte ich, schlichtend einzuschreiten – vielleicht hätte ich das tun sollen. Aber ich bin feige, also dachte ich darüber nach, die Bullen zu rufen. Aber die haben ja auch anderes zu tun, alkoholisierte Choleriker davor zu bewahren, sich zu blamieren.
Inzwischen hatte ich mir das Schauspiel schon einige Zeit angeschaut und war mir sicher, dass die von dieser Person ohne Zweifel niedrigen Bildungsniveaus ausgehende Gefahr sich höchstens auf die Briefkästen bezog. Dennoch bleibt mir schleierhaft, wie das junge Mädchen das eindeutig unangemessene Verhalten auch noch dadurch belohnte, dass sie den „Alcholeriker“ mittels des nun gefundenen Schlüssels zunächst ins Haus, und dann allem Anschein nach auch noch in ihre Wohnung ließ. Da es nun nichts mehr zu Sehen gab, setzte ich meinen Spaziergang fort. Nochmals dachte ich daran, die Bullen zu rufen, aber irgendwie drängte sich mir einerseits das Gefühl auf, dass die bemitleidenswerte Kreatur, die sich in der Position befand, offensichtlich auch noch eine sexuelle Kontakte nicht ausschließende Beziehung zu dieser bedauernswerten Vergeudung menschlichen Lebens zu haben, aus Angst vor den angedrohten „Tritten gegen den Kopp“ alles leugnen und den Schmalspur-Schläger wahrscheinlich auch noch in Schutz nehmen würde, andererseits die diffuse Ahnung, dass die Ordnungsmacht an anderer Stelle gebraucht würde.
Bereits zum dritten Male passierte ich den Feuermelder, in dem zu meiner wiederholten Überraschung immer noch kein bekanntes Gesicht zu sehen war, und landete schließlich in der Loge. Dort waren mir wenigstens Wirt und Barpersonal bekannt, so dass ich hier gefahrlos einen Besuch riskieren konnte. Offensichtlich fand dort eine Art Privat-Geburtstagsfete statt. Leider versaute eine junge Frau (und „jung“ ist jetzt geschmeichelt) mir die Überraschung, als sie mich mit großen Augen fragte, ob ich der Stripper sei. Der kam dann auch just in diesem Moment in der einfallsreichen Tarnung eines Pizza-Lieferanten. Leider waren die Pizza-Kartons leer – stattdessen tat er das, was Stripper eben tun. Er strippte. Einer der Gäste brachte es auf den Punkt, als er inmitten des Geschreis aller anwesenden Frauen feststellte „Die Kerls hier schreien ja lauter als die Weiber!“ Es war eine Heten-Party und ausnahmslos alle anwesenden Männer standen möglichst lässig in einer Position, die ihnen unauffällig eine möglichst uneingeschränkte Sicht ermöglichte – aber zu dieser lässigen Pose gehörte natürlich auch eine möglichst emotionslose Reaktion auf das Geschehen. Schreien gehörte somit nicht dazu. Mit anderen Worten der Mann irrte, oder verfolgte sonstige mir unbekannte Absichten mit seiner offensichtlichen Falschaussage. Mir jedoch wurde einfach nur schlagartig bewusst, dass es Zeit für einen erneuten Ortswechsel war, denn wenn ich eines nicht ertrage, dann ist es das erbärmliche Gewäsch chronisch unerfüllter 7-Bier-Schwuler, die im traurigen Alter von sicherlich weit über 30 Jahren versäumt haben, ihre eigene Sexualität zu entdecken. Und wenn eins traurig ist, dann doch wohl das. Insbesondere in dieser Stadt, die das Versprechen gibt, dass sich für alle sexuellen Wünsche ein Partner finden lässt. Warum dies bei meinen noch nicht einmal besonders unkonventionellen Wünschen so selten klappt? Irgendetwas stimmt mit dieser Stadt anscheinend nicht…
Ich leerte mein inzwischen warmes und schales Bier – ja, auch mich hatte der Stripper nicht unbeeindruckt gelassen – und verließ das Lokal, um direkt auf der Straße von einem Altersgenossen gefragt zu werden; „Entschuldigen Sie, wissen Sie, wo das ‚Raumklang’ ist?“ Nun muss ich erwähnen, dass ich 23 Jahre alt bin und ein gespaltenes Verhältnis zur Siez-Duz-Frage habe. Werde ich zum Beispiel an der Rossmann-Kasse von einer übertrieben und unfachmännisch geschminkten allem Anschein nach 6-fachen Mutter über 60 geduzt, so reagiere ich pampig. Allerdings gilt mein völliges Verständnis all jenen über 30, für die ein unerwartetes Siezen arge Selbstzweifel und mitunter übertriebene Reaktionen hervorruft. In diesem Fall also – unter gleichaltrigen – erschien mir dieses Siezen völlig fehl am Platze – seine besondere Würze erhielt es aber durch die sicherlich an den Knien kratzende Hose und der schief auf dem Kopf sitzenden Mütze des sich zweifelsohne der Hip-Hop-Szene zugehörig empfindenden Sprechers, der trotz Berliner Mundart bemüht war, den momentan in dieser Szene anscheinend beliebten Hamburger Akzent nachzuahmen. Mein Hinweis auf die Unnötigkeit des Siezens wurde beantwortet mit „Ey Sorry, Alder, das ist für mich einfach ein Anstands-Ding, wenn ich Sie sieze…“ Spiegel- und sonstige konservative Redakteure können also beruhigt sein, der Anstand wird auch von den heutigen Heranwachsenden gewahrt, und gar Punks auf der Straße gesiezt. Gerade jene Menschen, die den Verfall des Anstands in meiner Generation beklagen, sprechen mich äußerst selten in S-Bahn, U-Bahn und an welchen sonstigen unheiligen Orten man ihnen begegnet, mit dieser vermeintlich gebotenen Anstandsform an. Das sollte einen stutzig machen.
Da der Abend mir unverhofft viel geboten hatte, entschied ich mich nun voller Mut und Tatendrang, meine letzten 2,50€ in den von mir zuvor vielmals belächelten Laden zu investieren, der unweit meines Zuhauses „Caipirinha & Cuba Libre to go“ zu eben jenem Preis feilbot. Schon von Weitem wiesen mir monotone „Einer geht noch…“-Gesänge von der stereotypen Niveau- und Sorgenfreiheit, die man nur auf Klassenfahrten findet, den Weg. Dem vorangegangenen Abend entsprechend entschied ich mich für ein Cuba Libre, der mir in Berlin-üblicher „to go“-Manier im Plastik-Becher serviert wurde. Eine Weile beobachtete ich noch die Teenie-Horde. Vor etwas mehr als drei Jahren war ich noch am Boden zerstört, weil ich im Zuge meines zwanzigsten Geburtstages des Teenager-Statuses verlustig wurde. In diesem Moment schienen mir diese, meine eigenen Reak- und Emotionen, die ich damals am eigenen Leibe erleben konnte, absolut nicht nachvollziehbar – zum ersten Mal in meinem Leben. Zwei Häuser weiter bestätigte sich dann meine in Anbetracht des „Alcholerikers“ zur Entschuldigung meines Nichteingreifens formulierte These – die Ordnungsmacht wurde tatsächlich an anderer Stelle gebraucht: Es war inzwischen halb 2 Uhr nachts und 3 allerhöchstens 13-Jährige allem Jungen „südländischen Aussehens“ (für alle, die keine Zeitung lesen: ein momentan gern verwendeter „politisch korrekter“ Begriff für „Türke“) wurden von der vom Betreiber gerufenen Polizei aus einem Internetcafé entfernt. Ich ging nach Hause in der ruhigen Gewissheit, dass ich in diesem Alter um diese Uhrzeit nicht in ohnehin rund um die Uhr geöffneten und zu jeder Uhrzeit gleich langweiligen Internetcafés, sondern in Kneipen, mit der fleißig auswendig gelernten, möglichst emotionslos vorgetragenen Entschuldigung „Leider habe ich meinen Perso nicht dabei, sondern nur meinen (mittels Tintenkiller vollständig überarbeiteten, mich als Siebzehnjährigen ausgebenden) Schülerausweis“, derart peinliche Situationen stets erfolgreich zu umgehen wusste.
Endlich konnte ich schlafen.






