MySpack
oder: Warum man MySpace, StudiVZ und Konsorten boykottieren MUSS.
Die Versprechungen sind großartig, umfangreich und… vielversprechend: All meine (studierenden) aktuellen, zukünftigen und ehemaligen Freunde werde ich dort finden, den Namen des süßen Mädels aus der ersten Reihe nicht nur problemlos herausfinden, sondern auf dem Silbertablett zusammen mit ihren Hobbies, Interessen, Photos, zuletzt besuchter Schule, nun besuchter Universität nebst Studienfach und besuchten Veranstaltungen und eben ihres gesamten Freundeskreises präsentiert bekommen. Und nicht nur das: StudiVZ nennt mir auch direkt die Kette von Bekannten, die ich in Bewegung setzen muss, um sie (wenn gewünscht persönlich) kennenzulernen: “Du kennst jeden um 7 Ecken.” Für absolute Anthrophobiker bietet sich jedoch auch die direkte Möglichkeit, betreffende Person (übrigens ohne deren Möglichkeit, Einwilligung zu verwehren) per Klick zu “gruscheln.”
Die rasante Akzeptanz dieses Neolinguismus’ ist neben den steigenden Mitgliedzahlen ein ebenso bedauerlicher wie eindeutiger Indikator für die rasante Akzeptanz und Etablierung der neuen völlig kontakt- und inhaltslosen Kommunikationsplattform: Nachdem die geistige Unterschicht schon seit Jahren auf das kümmerliche Dasein ihres Wunsch-Selbsts nebst dem der Haustiere unter MySpace.com auf penetrante Art und Weise aufmerksam macht und – schlimmer – bei Leidensgenossen damit Interesse statt Mitleid oder der gebührenden Verachtung erregt, hat diese Entwicklung nun auch vor der heranwachsenden künftigen “Elite” keinen Halt gemacht. Gewiss, man möchte gerne unter sich sein: “STUDI”-VerZeichnis eben. Man sollte den Erfindern für die Verwendung dieses Namens danken, ist doch die Verwendung des Wortes “Studi” zumindest Garant für den freiwilligen Selbstausschluss jener Studenten mit zumindest einem Mindestmaß an Restintelligenz in den Weiten des flüssigkeitsgetränken Schwamms zwischen ihren Ohren.
1. Ich und Wunsch-Ich
Wer einmal Seiten wie MySpace.com oder StudiVZ.de besucht hat (Tip: NOCH ist eine weitgehend unkontrollierte, falsche Angaben ermöglichende “Immatrikulation” möglich – s.u.), dem fallen schnell Diskrepanzen zwischen der im persönlichen Kontakt erlebten und der im Netz dargestellten Realität auf: Enge Freunde vermag man auf den extrem positivistischen und bis zur Unkenntlichkeit manipulierten Bildern kaum zu erkennen, wirft man einen Blick auf die geschilderten Hobbies, erhärtet sich der Eindruck, die betreffende Person sei allenfalls ein Doppelgänger, einem sicherlich jedoch persönlich nicht bekannt. Wunderlich wird es dann, wenn man “Lieblingsbücher” und ausgewählte Zitate der Personen betrachtet. Am Ende outet sich jeder noch so stumpfe und durch penetrante Präsentation tiefgreifender Dummheit täglich negativ auffallende Mitläufer als tiefgreifender und tiefkritischer Philosoph mit depressiven Elementen. Ist ja im Moment auch angesagt. Und entsprechend scheint auch die Beliebtheit beim Einstieg ins Studi-VZ sprunghaft anzusteigen: 140 bis 250 “Freunde” zu berichten (MySpack-Gründer “Tom” bingt es auf mehrere Millionen) ist keine Seltenheit, sondern Durchschnitt, während ich als kümmerlicher, der alten Realität verhafteter mit der konservativen Auffassung von Freundschaft es mir zum noblen Ziel gesetzt habe, im Laufe meines Lebens die magische Marke der “20″ zu knacken. Doch es ist nicht der Neid, der mich antreibt: Vielmehr ist es ein Bedauern der Verluste von Individualität, Intimität und wahrer Persönlichkeit, die mit dem Betrug, der bei den Eintragungen im vorgefertigten Formular des Studi-VZ von dessen Opfern zuallererst an sich SELBST vorgenommen wird. Eine Welt voll Lug und Trug, voller Sein-wollen und Selbstdarstellung – die die zugegebenermaßen auch nicht perfekten Umgangsformen der verbleibenden Realität ersetzt, das jedoch nicht immer zum Vorteil: Auf einen jederman(n) zustehenden Kommentar à la “Wow, auf dem Bild siehst du aus, als hättest du echt große Möpse” kann die Betroffene leider nicht mehr mit der gebührenden Ohrfeige reagieren – und tut dies auch nicht mehr! Denn im gleichen Ausmaß, wie die “Profile” der VZ’ler philophische Überlegungen (meist anderer, um auf der sicherern Seite zu sein auch noch berühmter Personen) und Tiefgründigkeit vermitteln, nehmen Oberflächlichkeit, Unflat und purer, schmerzhafter Unsinn in den Gesprächen ein ebenso nicht für möglich gehaltenes Ausmaß an. Was wir hier beobachten ist das Entstehen einer komplett neuen Qualität menschlichen Miteinanders, das mit dem Versprechen, dass nun jeder endlich so sein könne, wie er sein will, eine Inflation des Freundschaftsbegriffs und eine nie gekannte Oberflächlichkeit bei maximalem Selbstbetrug etabliert. Welcher Mensch mit einem Mindestmaß an Restsensibilität für das Dasein und Interesse am Leben vermag seinen Hunger am gegenseitigen Belügen sich selbst Belügender zu stillen?
2. Wo KANN nur das wirtschaftliche Interesse liegen?
Die Idee Studi-VZ, von einigen wenigen (findigen?) Studenten ersonnen, war nun dem Holtzbrinck-Verlag die läppsche Summe von 85 Millionen Euro wert. Und das, obwohl die Seite keinerlei Umsätze macht, und diese auch – da der Inhalt von den Nutzern selbst zur Verfügung und die Möglichkeit dazu Ihnen wiederum kostenlos angeboten wird, nur durch Werbeeinnahmen zu erwirtschaften wären. Die Seite ist jedoch bisher weitgehend werbefrei und macht monatlich beträchtliche Verluste. Gemessen an der aktuellen Zahl der “Immatrikulierten” entspricht der Kaufpreis jedoch ca. 85-100 Euro pro Nutzer. Welche Motivation mag man hinter diesem Kauf vermuten?
Direkter wirtschaftlicher Erfolg durch Werbeeinnahmen lässt sich langfristig ausschließen. Interessanter mag jedoch natürlich die ungeheure Datensammlung sein, die sich hinter der Seite verbirgt. Im Gegensatz zu MySpace motiviert das System Studi-VZ als solches zur Angabe korrekter Daten – schließlich will man ja auch anhand dieser gefunden werden. Als Basis-Datenbank hinter der freundlichen Oberfläche verbirgt sich also ein ständig wachsender Datensatz mit freiwillig korrekten Angaben, der sensible Informationen über Interessen, soziales Netztwerk und Bildungsweg (bis hin zu einzelnen besuchten Lehrversanstaltungen) und in der Regel mehrere Photos der Person enthält. Die häufig vorgegebenen Antwortalternativen und -kategorien erleichtern dabei die statistische Auswertung und die Bildung von Gruppen nach frei wählbaren Kriterien.
“Zielgruppenorientierte Werbung” wäre noch das geringste aller mit diesem Datensatz anzurichtenden Übel…
Und natürlich werden solche Datensätze auch genutzt! Von einer Kooperation des Portals GayRomeo.de mit ähnlichem, wenngleich noch sehr viel sensiblerem Inhalt und der Humboldt-Uni Berlin weiß ich aus erster Hand (von einem “Studi,” der an der Datenauswertung beteiligt war und in fröhlichen Runden von den Wonnen der “teilnehmenden Beobachtung” zu berichten wusste.
Und ja, auch mich als “Psycho-Studi” juckt es geradezu in den Fingern, diesen Datensatz mit den mir in bekannten Methoden auszuwerten.
Man mag einwenden, dass Studi-VZ einen Schutzmechanismus gegen “Bots” – automatisierte Programme zum Auslesen des Datensatzes einsetzt - das würde ich aber bei einem Datensatz, für den ich 85 Millionen hingelegt habe, auch tun.




29. Oktober 2008 um 21:36 Uhr
[...] Und damit keiner behauptet, ich fänd Yasni jetzt kacke, nur weil Yasni mich kacke findet, hier ein Link zu einem meiner frühen Werke, welches an Brisanz nicht eingebüßt hat. [...]
27. August 2009 um 11:08 Uhr
[...] alle, an denen mein Appell an die persönliche Würde ohne Konsequenz vorbeigegangen ist, hat Julia Angwin ein Buch geschrieben, das die Kulissen hinter [...]
16. Mai 2010 um 16:01 Uhr
[...] übrigens, da mir hier schon wieder das Aufspringen auf Züge vorgeworfen wird, verweise ich auf 2007, 2008, [...]