Nachruf auf einen Freund und Nachbarn
Mein Freund und Nachbar Frank ist vorgestern gestorben. Ich fand seine Leiche auf dem Weg in den Hof. Sie war in der Tür eingeklemmt – und zwar nicht dort, wo die Türklinke ist, sondern auf der Seite der Scharniere. Ich war der erste am Tatort, kam aber für jede Hilfe zu spät.
Selbst wird Frank sich die Schädel- und Thorso-Quetschungen, die zu seinem Tod geführt haben, nicht zugefügt haben können. Für einen Selbstmordversuch machte er immer einen viel zu lebensfrohen und vitalen Eindruck. Auch seine wirtschaftliche Lage ließ keine Wünsche offen: Angenehme, “szenige” Wohnlage, immer genug zu essen (wofür häufig ich gesorgt habe), allein in letzter Zeit wurde es in Anbetracht des Wetters ein bisschen unangenehmer… Ich muss zugeben ich weiß nicht, wie es um seine Beziehung stand, und habe seine Freundin nach Franks Tod auch nicht mehr gesehen. Nicht zuletzt aber war Frank sicherlich auch zu schwach, sich diese Verletzungen mit der Tür aus eigener Kraft zuzufügen.
Die ganze Sache also leichtfertig als Unfall zu bezeichnen, und zu akzeptieren, fällt mir schwer. Aber wer sollte Frank etwas böses gewollt haben? Soweit ich weiß, hatte er außer dem Ehepaar Elster, das aber nach hinten raus gewohnt hat, und schon vor einiger Zeit ausgezogen ist, keine Feinde, und erst recht keine, die die notwendige Kraft und ein Motiv für einen derart brutalen und unbarmherzigen Mord hätten.
Frank, die Umstände, die zu deinem Tod geführt haben, werden mir wohl immer ein Rätsel bleiben, ebenso wie die Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit der friedlichen, liebevollen Fürsorge, die unsere Nachbarschaft geprägt hat. Ging es mir schlecht, hast du mich durch einen kleinen Besuch am Fenster aufgemuntert. Hattest du Hunger, so gab es bei mir immer etwas.
Als letzte Ehrerweisung habe ich deinen leeren Meisenknödel auf Halbmast gehängt.
in stiller Trauer,
Linus




