Augenzeugenbericht: Stowasser liest und labert.

19. November 2007
Horst Stowasser,  wahrscheinlich bekanntester deutscher Anarchist, las und laberte heute im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin. Natürlich waren es Interesse, Notwendigkeit und Selbstverständlichkeit, die ein Fehlen für mich nicht in Frage kommen ließen – und mich dann einer herben Enttäuschung aussetzen.

“Anarchie ist machbar…”

Mit diesem Titel kündigte die taz die Lesung an. Leider schaffte es Stowasser nicht, über dieses Niveau herauszuwachsen, geschweige denn, diese Aussage auch nur im Ansatz zu begründen.
Es sei jedoch außer Frage gestellt, dass Stowasser dazu in der Lage ist, hat er doch durchaus eingehend zum Thema recherchiert, und nachweislich fundierte Kenntnisse in seinen (m. E. zu Unrecht) als Standardwerke geltenden Büchern dokumentiert.
Bereits an seinen bisherigen Veröffentlichungen störte mich die wenig differenzierte, unkritisch romantisierende und verherrlichende Darstellung der immer noch (viel zu) wenigen (temporär) erfolgreichen anarchistischen Projekte.
Sein neues Buch umfasst 510 Seiten, und sollte an diesem Abend vorgestellt werden. Oder vielmehr die Anarchie, wie der Autor sein Ziel zu Beginn erklärte, was Böses ahnen ließ, und schlimmstenfalls als Beleidigung, bestenfalls als katastrophale Unterschätzung des Publikums zu werten war, das auf einleitende Nachfrage durchaus die eine oder andere interessante Definition zitieren konnte. Stowasser hingegen zitiert seinen Vater und stellt einleitend fest “Anarchie ist Quatsch.”
Und als solche stellt er sie denn auch dar. Die Undifferenziertheit der Darstellung und Beschreibung, die jegliche theoretischen Überlegungen, jedwede Anlehnung an Wissenschaft, oder sei es nur Philosophie, vermissen lässt, auch an Stellen, an denen wissenschaftliche Untermauerung auf der Hand liegt, wird nur von seinem äußerst angenehmen Schreibstil, und der noch angenehmeren Art, vorzulesen, überboten. Allein, wer soll das alles lesen, nur weil es angenehm geschrieben ist? Wer soll sich stundenlang die Dinge, die er/sie schon weiß, vorlesen lassen, nur weil der Vorleser gut vorliest?
Und so erzählt er auch in epischer Breite und ganz und gar nicht ohne Stolz, wie oft er seiner Tochter etwas vorlese, und deren Freundinnen deshalb so gerne zu Gast seien. Überhaupt bekommt der Hörer schnell den Eindruck, dass es der Hang zur Selbstdarstellung und die Freude am Vorlesen und Labern sind, die Stowasser an diesem anekdotengeschwängerten Abend antreiben, während sich andererseits der Verdacht aufdrängt, in den allabendlichen Vorleserunden den Grund für den oberflächlichen Schreibstil und die einen Erwachsenen konsequent unterfordernde Inhaltsarmut den Buchs gefunden zu haben, in dem jedes Kapitel wie eine Kindergeschichte mit Happy End zu enden scheint, obwohl doch zentrale Fragen (in diesem Buch) ungeklärt bleiben, notwendige Diskurse nicht geführt werden. Was sich wie ein roter Faden durch die ausgewählten Kapitel zieht, ist das immer wieder fehlende Argument.
Normative Konzepte wie Kriminalität werden nicht in Frage gestellt, es wird die alte Überlegung vom an der Gesellschaft erkrankten Individuum bemüht, aber nicht vertieft, und schließlich mit einer 50 Jahre alten Polizeistatistik “belegt”, dass die Kriminalitätsrate nicht ansteige, wenn “alle Knackis” rauskommen – aber warum man sie rauslassen müsse, versäumt er abermals auch nur andeutungsweise zu begründen. “So viel zum Thema Kriminalität, das Ökonomie-Kapitel überspringe ich, denn das hat (betonend) vier-und-vier-zig! Seiten…” (das muss ja wirklich sehr komplex sein)
Und so fehlte mir in der Pause auch die Begründung, mich nicht den in Scharen davonströmenden Menschen anzuschließen.
Schade.

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