Gedanken zur Zeit

25. November 2008

25 Jahre bin ich alt.
Ein Vierteljahrhundert.
Von mir aus vergeht die Zeit wie im Flug -

aber auch wenn mein Leben nicht besonders belastend war
kommt es mir bisher schon ziemlich lang vor.

und Kinder! Man lernt nicht aus:

Zuerst Laufen und Sprechen,
dann Hinsetzen und ruhig sein.

Zur Schule bin ich gegangen,
und nach 13 Jahren war auch diese Ewigkeit vorbei.

Ich habe viel im Umgang mit Menschen gelernt
und ein kleines bisschen auch im Umgang mit Frauen.

Am wenigsten vielleicht noch im Umgang mit mir selbst.

Vom kleinen blonden Linus
über den dicken schmierigen Linus
mal mit langen, mal mit kurzen Haaren,

dann auch mal mit schwarzen.

Mal in Dinslaken, mal in Oberhausen, mal in Duisburg.
Mal im Urlaub. 

Jetzt in Berlin.

Eine ganze Menge kleiner Leben, Lebensabschnitte und Erfahrungen.

Ein Jahr, bevor ich überhaupt geboren wurde, kam Christian Klar in den Knast.
Er hat mehr als die Gesamtzeit meines Lebens, von meiner Geburt, bis zum heutigen Tage, dort verbracht.
Momentan ist das für ihn ungefähr die Hälfte seines Lebens, so genau wird man da gar nicht mehr rechnen.

Und Heribert Prantl (SZ) darf ich heute zitieren mit

Es gibt gute Gründe, auf diesen Staat stolz zu sein. Die Geschichte der kleinen und der großen Gnade für die langjährig inhaftierten Mitglieder der RAF gehört dazu.

dass er sich damit selbst widerspricht, weil er vorher feststellt

Er wird freigelassen nicht aus Gnade vom Bundespräsidenten, sondern aus Rechtsgründen vom Gericht (…)

lässt mich aufatmen, denn immerhin
musste ich mir heute doch nicht von
einem wie Prantl

den Nationalstolz beibringen lassen.

Das Leben geht weiter.

Lieber Herr Prantl,

Von mir aus hätten Sie in diesem Zusammenhang von Gerechtigkeit reden können, von Vergeltung und Gesetzen, die nicht für die gelten, die sie selbst nicht anerkennen. Auch hätten Sie schreiben können, man solle ihn überhaupt nicht rauslassen. Oder Sie hätten die 26 Jahre gegen ein Leben aufwiegen können…
Aber mir direkt Nationalstolz wegen der Barmherzigkeit Vaterstaats nahezulegen, das finde ich nur noch frech!

2 Kommentare zu „Gedanken zur Zeit“

  1. hanna sagt:

    “Ich habe viel im Umgang mit Menschen gelernt
    und ein kleines bisschen auch im Umgang mit Frauen.”–Sind Frauen nicht auch Menschen? Also ein bisschen zumindest? Manchmal? Wenn man´s genau nimmt?
    Gut finde ich auch “Dinslaken,Oberhausen, Duisburg”. Das erinnert irgendwie an “London, Paris, New York” oder “New York, Rio, Tokio”. Sind ja auch, was weltstädtisches Flair angeht, durchaus vergleichbare Städte.
    Gruß
    Hanna

  2. Ein Hornissenstich schmerzt 4 Jahre, und 7 Stich’ ins Bein können uns nicht gefährlich sein | Linus-Neumann.de sagt:

    [...] Ich setze historische Ereignisse gerne in Bezug zur Dauer meines Lebens, und stelle mit Erschrecken fest, dass ich über ein Drittel meines Lebens, und die gesamte Dauer meines Daseins als Wahlberechtigter, der SPD beim langsamen Krebstod eines nichtrauchenden und gegenüber allen Drogen abstinenten Vegetariers zusehen muss (anders kann ich diese grundlose, unmotivierte, unaufhaltsame Zerstörung von innen nicht bezeichnen). [...]

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