Der Bass. Und ich.
27. Januar 2009 - Veröffentlicht in Allgemeines | 1 Kommentar »Ich glaube zum ersten Mal habe ich über den Bass nachgedacht als ich zu einer Karnevalsparty als Star gehen musste. Damals, mit 11, kannte ich nicht viel mehr als die Toten Hosen. Also war klar ich würde als einer von ihnen gehen. Campino war zu naheliegend und irgendwie auch zu aufwändig (die Haare…). Also entschied ich mich für Kuddel, den Bassisten, den ich trotz all seiner Bemühungen, sich auf den Bandphotos unsichtbar zu machen, irgendwann dann doch noch bemerkt hatte.
Gehört hatte ich ihn noch nie. Das gab mir einen ersten Eindruck von seinem Instrument, der ebenso langanhaltend war, wie falsch. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass es mir nicht gelang, auch nur eine Person für mein Kostüm zu begeistern. Aber das bestärkte nur meine Meinung vom Bass – an der Qualität meines Kostüms zu zweifeln kam mir nicht in den Sinn, und aus der Distanz betrachtet, muss ich sagen, dass ich den Charakter vielleicht besser getroffen habe, als mir damals bewusst war.
Was meine Ignoranz des Bass betrifft, so wurde sie wahrscheinlich auch die längste Zeit durch meine zur Wiedergabe von Bässen unfähigen Aktivboxen, die ich immer an meinen Discman anschloss, gepflegt. So durchlebte ich eine lange, bassfreie Zeit, in der ich aber auch nichts vermisste.
Irgendwann bekam ich eine richtige Stereoanlage. Von Kenwood. Mit 3-Wege-Lautsprechern. Also auch mit ein bisschen Bass.
Und dann kam “Bro Hymn” von Pennywise in mein Leben. Eigentlich war es schon vorher da. Aber jetzt erkannte ich, was es war. Ein Lied mit Bass. Ein Punk-Lied, in dem der Bass die wichtigste Rolle spielt. Und was für eine. Und es wurde ein bedeutendes Lied für mich. Ein Lied, um das sich viele Jahre später eine beste, jahrelange Freundschaft drehte, die dann auch in diesem ihren glückseeligen Höhepunkt und ihr abruptes Ende fand. (Abriss des elterlichen Kellers und meine Abreise in die USA)
Aber in dieser Zeit ging alles sehr schnell. Die Offenbarung des Bass: Paul McCartney generell (Penny Lane), Pink Floyd “Money”, Peter Gunn Theme, eigentlich entdeckte ich mein gesamtes CD-Regal neu. Und dann das meiner Eltern.
Einer der größten Funde ich Sachen Bass: Hotel California Live akustisch. (Die Percussion!)
Und dann gab es ja auch noch HipHop. Dynamite Deluxe (Wie jetzt?) war da noch der Anfang, und auch Eins Zwo (Danke, gut.) legten ja gar nicht so viel Wert auf Bass. Viel später brachte es dann das Bo auf den Punkt (türlich, türlich – wir brauchen Bass). Und Dr. Dre blieb immer noch Dre (Still D.R.E.) und knallte die Mutter aller Rapsongs raus. Ein Album voller Bass, für das ich mir extra neue Kopfhörer kaufte. Richtige Kopfhörer, nicht irgendwelche Stöpsel mit der Aufschrift “Mega Bass”, “XtraBass” oder “Power Bass”.
Und diese Kopfhörer zeigten mir wiederum die Grenzen meiner Stereoanlage zu Hause, und, schlimmer, meiner Boxen im Auto. Also kaufte ich mir (mit 17, jaaaa, Führerschein aus den USAaaaa!) ein Bassrolle und legte sie in meinen Kofferraum. Sowas mochte Hauptschüler beeindrucken, aber auf meinem Dorfgymnasium habe ich mich damit rückblickend sicherlich eher lächerlich gemacht. Und wahrscheinlich auch an jeder Ampel.
Denn die Rolle war gut. Sehr gut. Sie war unabhängig von den anderen Boxen in ihrer Lautstärke regelbar, und so brummte schon bei Cat Stevens in normaler Lautstärke (Lady d’Arbanville) der ganze Wagen. So entdeckte ich auch in eher weniger basslastiger Musik eindeutig und zuverlässig die Bassspur.
Von Hiphop hatte ich mich damals (Bis auf Dre) schon wieder größtenteils gelöst (oder vielleicht auch der HipHop von mir (mein Block)). Inzwischen legte ich auf Qualität wert, und ich habe auch tatsächlich meist Cat Stevens, Pink Floyd, die Beatles oder die Eagles meine Bassrolle bespielen lassen. Aber natürlich auch Bob Marley, Peter Tosh und weniger oft auch Buju Banton (Boom Bye Bye) - den aber mehr so zur Pflege und Überprüfung der Bassrolle.
Irgendwann ging ich dann nach Berlin, verkaufte mein Auto, und behielt die Bassrolle, die ich dann einem langjährigen Freund lieh. Denn eines war klar: Sollte ich jemals zurückkommen, oder mir entgegen aller Ideale in der Großstadt ein Auto kaufen, so würde die Bassrolle wieder mein ständiger Beifahrer sein. Dass dieser Freund die Rolle aber nicht mit der ihr gebührenden Liebe behandelte, führte zu einem Streit, von dem ich rückblickend sagen kann, dass die Freundschaft sich nie davon erholt hat. Heute existiert sie auch nicht mehr, und die Bassrolle wartet auf dem Dachboden meiner Eltern darauf, dass ich mir ein Auto kaufe.
Typische Bass-Musik habe ich bis dahin immer noch nur selten oder gar nicht gehört. Wenngleich ich wie erwähnt wahrscheinlich von allen mit mir an der Ampel wartenden gleichsam verachtet wurde, so war mir ganz klar, dass ein eindeutiger Unterschied zwischen mir und in tiefergelegten Opeln sitzenden “Technoten” bestand. Ich hörte Musik mit Anspruch und Niveau, sie hörten blödes Bumm-Bumm. Ich segnete meine Mitmenschen mit der Offenbarung, sie belästigten die Umwelt mit Musik eines beängstigend geringen Anspruchsniveaus, das tiefe, furchterregende Rückschlüsse auf ihr eigenes geistiges Niveau geradezu aufzwang.
Ich war besser.
Was ist seither mit mir geschehen? Ich erinnere mich an ein eigentümliches Jucken im Trommelfell, eines Abends im Yaam, im Takt der Musik, die ich ohnehin nicht mochte. Das war der Bass. Hier wurde eindeutig übertrieben, das war mir klar. Diese Reggae-Ragga-Dancehall-Gemeinde war mir ebenso suspekt wie die Elektro-Szene. Als ich vor ein paar Jahren zur “langen Nacht des Soundsystems” in den Postbahnhof ging, störte mich nicht nur das bekannte Jucken im Ohr, sondern auch das ewige Unterbrechen der Musik. Andauernd laberte der Typ da vorne dazwischen, und legte mit bestialischen Übergängen, die mein Mitleid mit seiner Nadel weckten, neue beschissene Lieder auf. Im 30-Sekunden Takt. Was für eine Party. Nein, so konnte man mit Musik nicht umgehen. Auch wenn mir ebenfalls bei jedem Lied nach kürzester Zeit danach war, die Platte vom Teller zu reißen. Somit blieb diese Musikrichtung wirklich die Einzige, mit der ich jemals im Leben endgültig abgeschlossen habe.
Anders verhielt es sich mit Elektro:
Und zwar auf dem Rückweg von der Auftaktdemo zu den Protesten gegen den G8 2007, die ja bekanntlich in eine kleine, einseitige Wasserschlacht ausarteten, und wenn auch (Gottlob!) nicht mit Genovaer Verhältnissen, dann aber doch mit einem Riesenhaufen von Interaktions- und Artikulationsversuchen verbunden waren, die von wenig Kompromissbereitschaft geprägt waren. Auf ebendiesem Rückweg ereignete es sich, dass wir noch zu einer Open-Air-Electro-Party irgendwo auf dem Lande fuhren. Und dort lief sie, diese schlichte Musik mit dem Bass. Und die Leute tanzten. Und lachten. Und ich kam gerade aus der Schlacht, hatte Steine und Menschen fliegen, Autos brennen, und Familien rennen sehen.
Für eine Sekunde regte sich in mir der Widerstand. Verachtung für diese sorgenfreien Tänzer, die hier feierten, während ich mich in diesen Hexenkessel begeben hatte, um… Ja was eigentlich?
In diesem Moment verstand ich: Wenn ich nicht tanzen kann, dann ist es nicht meine Revolution. (Und ausnahmsweise hinkte ich der Zeit dieses Mal nur ein bisschen (und nicht wie sonst Jahrzehnte) hinterher, denn die Hedonistische Internationale hatte sich ja erst vor Kurzem gegründet)
Die fröhlich tanzenden mochten zwar angesichts der Misère der Welt wenig angebracht sein, änderten sie aber ebenso wenig wie die demonstrierenden und von den Medien verunglimpften Massen. Nur: Die Tänzer sahen besser aus und vermittelten ein sehr viel klareres Bild davon, wofür sie tanzten. Der Frieden und die Akzeptanz, die Gleichberechtigung und die Liebe, für die in Rostock demonstriert und randaliert worden war, war hier längst Realität. Dass dieser Eindruck ein bisschen übertrieben war, und den vermutlich nicht unerheblichen Einfluss verschiedener Rausch- und Genussmittel außer Acht ließ, dämmerte mir damals auch schon, trotzdem war das Bild überwältigend. Ich konnte plötzlich eben nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, ob Rostock die einzige Möglichkeit war, von der richtigen ganz zu schweigen.
Und hätte ich noch ein Auto gehabt, und die Bassrolle, hätte von nun an keine Überlegenheit mehr an der Ampel gespürt.
Und wenn ich heute Tanzen gehe, dann zu Elektro.
Die Welt ist heute noch die gleiche wie damals. Und meine Erwartung, dass sie sich ändert, wird genau so schwächer mit jedem Tag, wie die Hoffnung wächst. Aber wenn ich heute im Club bin, der DJ den Bass langsam rausdreht, alle um mich herum tanzen (und, Überraschung: Ich auch!), und ich Menschen sehe, die ich im normalen Leben mit dem Arsch nicht anschauen würde, und wir uns verstehen, und wir lachen, und das alles keinen Sinn hat, keinen Hintergrund und kein Dogma und dann der Bass wieder kommt, und durch die Rolläden kurz das Tageslicht hereinblitzt, dann,
ja dann weiß ich: Ich liebe den Bass.
Keine Revolution ohne diese Liebe.













