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#btw09 in mehr als 140 Zeichen

23. September 2009 - Veröffentlicht in Allgemeines, Kultur, Politik, Written | Keine Kommentare »

Für alle noch-nicht-Twitter-Vöglein: #btw09 = Bundestagswahl ‘09

Warum geht es da eigentlich? “Um Politik” mag da ein unbedarfter Leser vorschnell antworten. Ja und Nein.

Jaques Ranciere

Jaques Rancière unterscheidet Poltik und Polizei – und nutzt beide Begriffe etwas anders, als man sie intuitiv landläufig auffasst: “Polizei” ist dabei die Aufrechterhaltung der bestehenden sozialen Ordnung in ihrem Kern. Und wenn es auch nicht zur Definition gehört, so ist Polizei nach Rancière hauptsächlich das, was sich nur wenig ändert, was nicht zur Debatte steht – der feste Rahmen, in dem sich alles bewegt, und der die Grenzen setzt – und innerhalb dieses engen Rahmens, der eben den Großteil bestimmt, ist es dann völlig egal, ob nun CDU, FDP oder SPD den Sozialstaat abbauen.

Politik hingegen, ist der Streit. Der Kampf um die Macht, genau diesen Rahmen zu bestimmen, also die Änderung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen. Die Änderung dessen, was “Polizei” ist oder sein wird. Politik ist Änderung der Gesellschaft. Polizei ist nur ihre Verwaltung, Stabilisierung und Aufrechterhaltung. Rancière vertritt gemeinhin die Ansicht, das was, was wir als Staat haben, und das was er als Diskurs inszeniert, Polizei ist, und nicht Politik.

Rancière würde also nicht von Politik reden, wenn von einer Gesundheitsreform die Rede ist – sofern diese die bestehende Ordnung nur in Nuancen ändert. Er würde auch nicht von Politik reden, wenn es um die Frage der Festlegung von Hartz-IV-Regelsätzen geht. Denn all das verändert die bestehende Ordnung nicht in ihren Grundsätzen – der Unterwerfung menschlicher Fürsorge und Gesundheit unter kapitalistische Prinzipien, Ausschluss von finanzieller, kultureller und politischer Teilhabe einer breiten Gesellschaftsschicht, die sich nicht verwerten lässt.

Aber würde Rancière von Politik reden, wenn es um Fragen wie Vorratsdatenspeicherung, “Internetsperren”, Verletzungen der Netzneutralität, und massive Eingriffe in die Privatsphäre geht?

Ich habe ihn nicht gefragt, und ich glaube, es kommt ein bisschen darauf an, wie düster das Bild ist, das man sich ohnehin von diesem Staat gezeichnet hat. Für mich stehen diese Schritte einerseits in einer absehbaren, logischen und immanent notwendigen Kette, die auch noch lang kein Ende hat – aber ich erkenne ebenso, dass mit diesen Ansätzen ein Punkt erreicht wird, nach dem vieles nicht mehr so sein wird, wie es einmal war, also eine Veränderung der Gesellschaft stattfindet. Aber wahrscheinlich ist das immer noch Polizei, sonst ginge es auch nicht so glatt runter wie Öl.

Und auch wenn mir persönlich bereits das Schindluder, welches der Staat mittels Polizei anhand dieser Mittel betreiben lässt, ausreicht, so sollte doch jede(r), dem das nicht reicht, von der Aussicht gepeinigt werden, was “irgendwann einmal andere” damit machen könnten.

Und kaum jemand wird doch wohl noch daran glauben, dass eine Ursula irgendwann morgens im Bad entscheidet, sie müsse etwas gegen Kindesmissbrauch tun, und dann zu den vorgetragenen Überlegungen kommt? Es ist doch inzwischen das am schlechtesten durch Wiefelspütz gehütete Geheimnis, dass Kindesmisshandlung hier als einer der wenigen Bereiche, über die gesellschaftlicher Konses herrscht, weil jeder Widerspruch untolerierbar ist, zum trojanischen Pferd gemacht wurde. An dieser Stelle verweise ich gerne noch einmal auf MOGIS.

Kurzum, ob Politik oder Polizei, es ist ernst.
…Und so sehr ich diesen Staat ablehne, und bei jeder Wahl im Zwist stehe, ob ich durch die Inanspruchnahme meiner sog. Beteiligungsmöglichkeit diesem Staat, dieser Polizei (nach Rancière) Legitimation verschaffen soll…
…Und so sehr ich niemals einer Partei beitreten würde, weil es mir einfach nicht einfiele, einer Vereinigung beizutreten, die so verkommen ist, mich aufzunehmen (siehe Groucho Marx)…
…Kinder, diese Sache ist zu wichtig. Und mit Steinen, Schreien, Demonstrationen, ja nicht einmal Waffengewalt können wir uns dagegen wehren, wenn es einmal so weit ist. Deshalb, hier, ich könnt heulen ob dieses Selbstverrats, meine, verzeiht mir, … Wahlempfehlung für die Zweitstimme. (Erststimme: Pizza Ortolana)

via Sebbi

Sebastian Horsley

1. September 2009 - Veröffentlicht in Allgemeines, Kultur, Written | Keine Kommentare »

“I’m afraid sex after marriage is as improbable as life after death.”

Dandy in der Unterwelt: Eine unautorisierte Autobiographie ist vor Kurzem auf deutsch erschienen, und wurde in konkret August ‘09 mit Artikel und Interview angemessen und nicht zu viel versprechend gepriesen.

Ich habe mir die englischsprachige Ausgabe Dandy in the Underworld: An Unauthorized Autobiography (P.S.), die im Übrigen auch billiger ist, sofort bestellt, und bin von Horsley begeistert, wie selten von jemandem zuvor.

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Nicht nur teilt er meine Leidenschaft, alles und jeden und jede Regel in Frage zu stellen, sondern auch meine ausgeprägte Misanthropie, so dass es allein schon durch das warme Gefühl von Verständnis ein Genuss ist, seinen Ausführungen zu folgen – nein, er hat auch noch einen beneidenswerten Hang zur stakkato-artigen Produktion prägnanter, direkt zitierfähiger Weisheiten. Die Menge dieser entlarvenden, sarkastischen Feststellungen ließ mich schon auf der fünften Seite den Entschluss fassen, das Buch noch einmal zu lesen, um sie alle zu markieren und dann auswendig zu lernen.

So sprudelt neben allem Unflat und allem Abschaum, für den es von vielen Kritikern gelobt wird, aus diesem Buch vor allem poststrukturalistische Dialektik: Horsley schreibt über seine Liebe zum Geld, direkt gefolgt von Pamphleten gegen Reiche und verrät im gleichen Satz seinen tiefgreifenden Atheismus. Er schreibt seitenlange Liebeserklärungen an diverse Frauen, und ebenso lange Erläuterungen darüber, dass das schlauste, was je aus dem Mund einer Frau gekommen ist, der Horsley’sche Phallus gewesen sei – und immer hat er dabei vor allem eines: Recht.

“Dandyism is a lie which reveals the truth,
and the truth is that we are what we pretend to be.”

Vielleicht beschreibt man Horsley am besten als jemanden, der seinen Kopf nutzt, um alles in Frage zu stellen, seine eigenen Regeln zu machen – und diese dann mit allem Eifer zu brechen. Ein Mensch, der in der Inkonsequenz seine Konsequenz hat, in der Ambivalenz seine Eindeutigkeit. Und das macht ihn zu einem anregenden und faszinierenden Charakter.

Für einen kurzen Einstieg in Horsley ist sein “Guide to whoring”, den er übrigens todernst meint, ein absolutes Muss:

…und wer sich mehr für Horsley interessiert, sollte nicht nur das Buch über die Links hier auf dieser Seite bestellen (Affiliate-Links, you know?), sondern auch dieses Qtv-Interview (36min) anschauen:

So, und jetzt gönnt euch mal was, Kinder:

englische Ausgabe auf Amazon.de kaufen
deutsche Ausgabe auf Amazon.de kaufen

Wettkämpfe der Nationen.

23. August 2009 - Veröffentlicht in Allgemeines, Presse, Written | Keine Kommentare »

Leichtathletik finde ich uninteressant.
Außer 100m-Lauf, denn da kann man Durchschnittsgeschwindigkeiten errechnen und sagen “alle Achtung!”

Internationale Wettbewerbe, bei denen naturgemäß die “Nation” eine Wettkampfeinheit bildet, lehne ich bekanntlich schon allein aus konzeptionellen Gründen ab. Das Trennen der Erdbevölkerung in Nationen, und das Aufhetzen dieser Gegeneinander empfinde ich als mindestens genau so dämlich, wie den Anblick der Fans, die diese Nationalstolz-Manifeste bereitwillig mitmachen, irgendwelche Fahnen schwenken, und ernsthafte Emotionen bei “ihrem” Sieg oder “ihrer” Niederlage empfinden.

Und dann gibt es noch: NEID. Das war 1936 schon bei Jesse Owens so, dem man zwar den Sieg zubilligte, jedoch nicht ohne festzustellen, dass er diesen allein mit der brachialen Kraft eines Urmenschen errungen habe, es ihm aber an jeglicher Eleganz und Technik mangele, er somit den ästhetischen Ansprüchen des Sports nicht gerecht werde.

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Und heute? Heute muss sich Caster Semenya, aufgrund ihrer herausragenden Leistungen einem Geschlechtstest unterziehen, was mit Abstand die größte Demütigung ist, die einer Sportlerin zuteil werden kann. Noch dazu einer 18-jährigen. In der SZ hat man derweil nichts anderes zu tun, als möglichst viele Bilder Semenyas zu zeigen und mit allerlei Spekulationen zu garnieren, um schließlich zu festzustellen: “Die hätte man schon Testen müssen, bevor man sie überhaupt zulässt.” Diese WM wurde Semenya mit aller Sicherheit bis ans Lebensende verdorben.

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Usain Bolt hingegen hat noch gute Laune, und läuft, dass es eine wahre Pracht ist, neue Weltrekorde über 100 und 200 Meter. Aber auch hier kann sich Jens Weinreich vom Spiegel nicht zurückhalten. Dem “schnellsten Clown der Welt” nämlich, gönnt er den Spaß nicht: Er stellt fest:

“Usain Bolt, welch Überraschung, wusste sich einigermaßen zu benehmen.”
…und zitiert Eike Emrich (Vizepräsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes mit “Weil immer klar ist, dass er gewinnt, muss Bolt seine Wettbewerbe mit Showelementen und Clownerien aufwerten.”

Mit “Vielleicht sollte man einmal erwähnen…” leitet Weinreich dann eine breitgetretene Chronologie früherer Niederlagen Bolts ein. “Zur historischen Wahrheit zählt auch, dass er im WM-Finale 2007 vom Amerikaner Tyson Gay geschlagen wurde.”
Meine Güte, der Mann ist sich zu nichts zu schade.

Insbesondere auch nicht dafür, in Manier der Berichterstattung über Owens, Bolt das Verderben des Sports zu unterstellen:
“Er hat seine ohnehin schon fabulösen Rekorde zertrümmert und die sonst noch Mitwirkenden, von Konkurrenten kann man ja nicht sprechen, gleichsam der Lächerlichkeit preisgegeben.”
“Schließlich störte Bolts Siegerrunde noch die Medaillenübergabe im Weitsprung-Wettbewerb.”

Der gute deutsche Wettkampf verläuft streng nach Zeitplan. Für die Siegerrunde eines Negers, der gerade zwei neue Weltrekorde aufgestellt hat, ist da keine Zeit vorgesehen. Und welche Genugtuung erlangt Weinreich durch das unsportliche Vorgehen der Veranstalter, Bolts Siegerrunde rüde zu unterbrechen, und gleichsam die Weitspringer zu verärgern…:

“Der Clown musste sich die Aufmerksamkeit der Menschen mit anderen Athleten teilen. So ist die Leichtathletik. So packend kann sie sein, fast ein bisschen gerecht – wenngleich nur in seltenen Momenten.”

Diese Momente sind es also, die Jens Weinreich bei dieser Leichtalthletik-WM Freude verschaffen.

Megaspree versenken.

11. Juli 2009 - Veröffentlicht in Allgemeines, Kultur, Written | 1 Kommentar »

Das Radialsystem war unter den ersten, die das Spreeufer yuppiesiert haben. Nicht zuletzt mit Apple-Events. Klar, da kommt so eine O2-World ungelegen.

Der Betreiber der Bar 25 haben schon vor langer Zeit selbst realisiert, dass sie Kapitalisten sind, und nehmen entsprechende Eintrittspreise, um an ihr “Spreeufer für alle” zu kommen. Als wir letztes Jahr zum Investorenbejubeln waren, wurden uns dort die Biere zum regulären Preis verkauft, tüchtig, tüchtig! Dafür, dass nicht, wie bei Kiki Blofeld, Eintritt genommen wurde, wurde die Bar25 natürlich allgemein gelobt.

Dass die Arena und ihr Club keine karitativen Einrichtungen sind, bezweifelt kaum jemand.

Das Watergate als “8.bester Club der Welt” nagt sicherlich auch am Hungertuch und sieht sich durch Investoren in seiner antikapitalistischen Existenz bedroht.

…und die Liste derer, die heute zu einer Sternmarsch-Demo für “ein Recht auf unsere Stadt und ein Recht darauf, selber zu bestimmen wie wir ein gutes Leben darin führen wollen” aufrufen, ist noch viel, viel länger.
Natürlich, es sind auch ein paar politische Gruppierungen dabei, hauptsächlich jedoch einfach nur etablierte und sich etablierende Gewerbetreibende wie das Yaam, das SO36 (welches ja gerade Spendenaufrufe zur Sicherung seiner Existenz inszeniert), die wilde Renate, das Rechenzentrum, die Maria usw.

Wie kommt’s?
Klar, der Protest gegen MediaSpree ist inzwischen noch mehr Friedrichshain-Kreuzberg als Singlespeed-Rennräder und gefälsche RayBan-Sonnenbrillen in Neonfarben. Wer hier punkten will, der muss einfach dagegen sein, möglichst federführend, sonst ist er selbst MediaSpree.
Und natürlich, als Betreiber der Gelddruckmaschine Bar25 würde ich mich auch ärgern, wenn man mir diese wegnehmen wollen würde. Und als Besucher der Bar25 ärgere ich mich auch, wenn sie weg ist.

Aaaber: Ihr habt euch für den ökonomischen Weg entschieden und seid mit unserer Kohle reich geworden – und jetzt sollen wir für euch losrennen und demonstrieren, wie für ein bedrohtes Hausprojekt oder gegen Atomkraft? Für den einen gegen den anderen Kapitalisten demonstrieren? Unter dem Slogan “Spreeufer für alle”? Für die Bar25, die quasi Urheber des Gedankens ist, es eben nicht allen zur Verfügung zu stellen? Für das Radialsystem mit millionenschweren Investoren dahinter?

Wahrscheinlich!
Danke, ich bin eurer Meinung, und auch dafür, dass zumindest der größere Teil von euch uns erhalten bleibt. Aber das müsst ihr schon selbst hinkriegen. Mit Geld, wie in der Wirtschaft üblich. Kennt ihr ja.

Der Protest gegen MediaSpree ist individuell und antikapitalistisch. Und ihr könntet bei Erfolg seine Nutznießer sein. Darüber dürftet ihr euch dann freuen. Aber versucht nicht, uns euch vor den Karren zu spannen.

Praktische Überlegungen

14. Januar 2009 - Veröffentlicht in Allgemeines, Written | Keine Kommentare »

Tobi hat mir gerade erzählt, dass eine Bewerberin für ein Praktikum heute das Vorstellungsgespräch vercheckt hat.

Die Bewerberin davor hatte einen Tag vor ihrem ersten Arbeitstag abgesagt. Um 22h.

“Nimm doch Christian Klar!” schlug ich in meinem Idealismus vor.

“Klar! Der kommt doch auch nicht.” stellte Tobi resigniert fest.

Gedanken zur Zeit

25. November 2008 - Veröffentlicht in Allgemeines, Written | 2 Kommentare »

25 Jahre bin ich alt.
Ein Vierteljahrhundert.
Von mir aus vergeht die Zeit wie im Flug -

aber auch wenn mein Leben nicht besonders belastend war
kommt es mir bisher schon ziemlich lang vor.

und Kinder! Man lernt nicht aus:

Zuerst Laufen und Sprechen,
dann Hinsetzen und ruhig sein.

Zur Schule bin ich gegangen,
und nach 13 Jahren war auch diese Ewigkeit vorbei.

Ich habe viel im Umgang mit Menschen gelernt
und ein kleines bisschen auch im Umgang mit Frauen.

Am wenigsten vielleicht noch im Umgang mit mir selbst.

Vom kleinen blonden Linus
über den dicken schmierigen Linus
mal mit langen, mal mit kurzen Haaren,

dann auch mal mit schwarzen.

Mal in Dinslaken, mal in Oberhausen, mal in Duisburg.
Mal im Urlaub. 

Jetzt in Berlin.

Eine ganze Menge kleiner Leben, Lebensabschnitte und Erfahrungen.

Ein Jahr, bevor ich überhaupt geboren wurde, kam Christian Klar in den Knast.
Er hat mehr als die Gesamtzeit meines Lebens, von meiner Geburt, bis zum heutigen Tage, dort verbracht.
Momentan ist das für ihn ungefähr die Hälfte seines Lebens, so genau wird man da gar nicht mehr rechnen.

Und Heribert Prantl (SZ) darf ich heute zitieren mit

Es gibt gute Gründe, auf diesen Staat stolz zu sein. Die Geschichte der kleinen und der großen Gnade für die langjährig inhaftierten Mitglieder der RAF gehört dazu.

dass er sich damit selbst widerspricht, weil er vorher feststellt

Er wird freigelassen nicht aus Gnade vom Bundespräsidenten, sondern aus Rechtsgründen vom Gericht (…)

lässt mich aufatmen, denn immerhin
musste ich mir heute doch nicht von
einem wie Prantl

den Nationalstolz beibringen lassen.

Das Leben geht weiter.

Lieber Herr Prantl,

Von mir aus hätten Sie in diesem Zusammenhang von Gerechtigkeit reden können, von Vergeltung und Gesetzen, die nicht für die gelten, die sie selbst nicht anerkennen. Auch hätten Sie schreiben können, man solle ihn überhaupt nicht rauslassen. Oder Sie hätten die 26 Jahre gegen ein Leben aufwiegen können…
Aber mir direkt Nationalstolz wegen der Barmherzigkeit Vaterstaats nahezulegen, das finde ich nur noch frech!

PoPo-Prüfstand #1heute: Antideutsch

19. März 2008 - Veröffentlicht in Written | Keine Kommentare »

Politische Positionen sind en vogue – definitiv ein Must-Have-Fashion-Klassiker. Doch auch hier steckt der Teufel im Detail: Es reicht nicht aus, einfach eine zu haben. Exklusiv und alternativ sollte sie sein. Und zum restlichen Outfit passen, ohne dass dieses sie direkt verrät.  Eine falsche Position im falschen Kreise geht echt noch weniger, als der Style vom letzten Jahr – und kann eine Menge Street-credibility und props kosten. Als Style-Berater will ich euch in dieser Rubrik einige Positionen vorstellen, damit ihr im Battle nicht den Kürzeren zieht.

Sound: ★★★★★
Alltagstauglichkeit: ★★☆☆☆
Diskussionsfaktor: ★★★★★

Wer ist dein Feind? Der deutsche Nationalismus. Und der Antisemitismus. Und somit: Jeder Feind und Kritiker Israels. Insbesondere im Moment, aber nicht ausschließlich: Islamismus. Intifada zum Beispiel geht gaaar nicht, Alter. Golfkriege schon.

Wer ist dein Freund? Israel, und zwar mein bester. Und auch seine Freunde. Also auch (Vorsicht, Diss-Gefahr!) die USA.

Krieg oder Frieden? Krieg für den Frieden. Anders kann sich die Aufklärung nicht durchsetzen gegenüber so rückständigen Regimen, wie es insbesondere die islamistischen sind. Die USA machen das schon. Kein Frieden ist möglich, solange es Antisemitismus gibt.

Kapitalismus? Lieber Kommunismus. aber den Antisemitismus in der Kapitalismuskritik kritisieren (siehe Marx). Und Personifizierungen in der Kapitalismuskritik ablehnen, das System als System kritisieren. Pragmatisch sein, evtl. sogar Neoliberalismus dem rheinischen Kapitalismus vorziehen.

Multikulti? Vooorsicht! Gefährdet die Vollendung der Aufklärung durch Toleranz mit dem nicht zu tolerierenden.

Dein Button? Flagge Israels. Bei Präsentationsversammlungen (sog. Demonstrationen) gerne auch als tatsächliche Fahne zum Winken.

Was liest du? Bahamas, Phase 2, mit kritischem Blick konkret

Achtung: Weder die vorgestellte politische Position, noch jedwede, auch pointierte Kritik daran, sind Position des Autors! Dies soll ein einführender Beitrag zur politischen Bildung, ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder die Nichtverletzung von Eitelkeiten sein.
Der geneigte Leser mag sein Wissen vertiefen:

Beck hat weiterhin Fieber.

13. März 2008 - Veröffentlicht in Written | 1 Kommentar »

Schon komisch.

Die Mitgliederzahl der SPD betrug 1976 über eine Million.
Kurz vorher begann die Arbeitslosenquote zu steigen.
Und für nun über 30 Jahre folgten beide ihrem einmal eingeschlagenen Wege.
Vor 5 Jahren verkündete Gerhard Schröder dann die Agenda 2010, woraufhin (nur) Einhunderttausend Mitglieder die SPD verließen.
Diese verloren sich, wie für linke üblich und nicht verwunderlich, für einige Zeit in Diskussionen und beschlossen dann, sich mit einer auch ehemals sozialistischen Partei zusammenzuschließen und ein sozialdemokratisches Programm zu formulieren – wohl, um die Sozialdemokratie mal wieder ins Gespräch zu bringen.
Während die SPD Entscheidungen formuliert, die FDP und CDU den Rang ablaufen sollen, selbigen jedoch nur mehr Spielraum nach rechts bzw. marktliberal bietet, muss sich eine neue (alte) Sozialdemokratie nicht nur “die Linke” nennen, sondern sich zu allem Überfluss als utopisch bezeichnen lassen.
Und während die “Separatisten” von der Linken, die bei ihrer Überzeugung geblieben sind und in logischer Konsequenz eine neue Partei gründen mussten, in Wahlen immer mehr zulegen, zerfetzt sich die SPD in der Diskussion darüber, ob man “mit denen” (die genau das sagen, was man selbst vor 6 Jahren noch gemeinsam mit ihnen gesagt hat!) koalieren will / darf – weil dies ja schließlich das Eingeständnis beinhalten würde, dass man entweder 5 Jahre lang größte Scheiße gebaut hat, oder aber vom Machthunger zerfressen ist.
Und so kommt es, dass die SPD heute einen Vorsitzenden hat, der es innerhalb von einer Woche ohne überhaupt mit der Wimper zu zucken, vollbringt,
1. (Montag) seine Partei in der Frage nach der “Koalierbarkeit” der Linken (die genau gegen die SPD-Sozialpolitik der letzten 5 Jahre steht) fast zu zerfetzen, dann aber mit einem klaren “Ja.” hinter sich zu vereinen – und somit das Eingeständnis zu signalisieren, dass die SPD der Sozialdemokratie verpflichtet sein könnte.
2. (Mittwoch) den Bockmist der letzten 5 Jahre zu verdammen
3. (Donnerstag) den Bockmist der letzten 5 Jahre zu loben.
Das, meine Damen und Herren, nennt man Politik.
Und es ist völlig normal – und man wundert sich doch immer wieder.

Wer löscht die Bush-Feuer?

29. Januar 2008 - Veröffentlicht in Written | Keine Kommentare »

Bush hält zum letzten Mal die januärliche Rede zur Lage der Nation. Dass diese opportunistisch und euphemistisch ist, darin unterscheidet er sich wohl kaum von Vorgängern, Nachfolgern und Kollegen in aller Welt, deswegen interessieren die Inhalte wohl wenig. Auch ein satirisches Ausbreiten der Konfrontation mit der Realität und den Inhalten vorangegangener Reden will ich mir ersparen.

Viel mehr möchte ich meine verspätete Freude darüber ausdrücken, dass es nun wirklich das letzte Mal ist, und ein Scheiden des Mannes in greifbare Nähe rückt.

Allerdings muss ich mich auch wundern: Schon lang bevor er 2000 nicht gewählt und 2001 inthronisiert wurde, bedurfte es keiner besonderen Fähigkeiten oder Kenntnisse, vorherzusagen, dass am Ende eine solche Situation und eine solche Rede stehen würden, war doch seine offenkundige Verdorben- und Dummheit selbst für Amerikaner erkenntlich.
Dies gibt ausreichenden Grund zu der Annahme, dass genau dies herbeigeführt werden sollte:

Alki wählen,
4 Jahre Dada-Politik,
4 Jahre Schenkelklopfen
…und so der Allmacht und Arroganz der Herrschenden einen Dämpfer verpassen.
So weit, so gut.

Was aber wirklich keine Sau ahnen konnte, ist dass dieses Ende tatsächlich erst 2009 nicht erreicht werden würde, und man sich 2004 eben nicht in Anbetracht des durch den kleinen Scherz angerichteten Schaden der Bedeutung des “mächtigsten Mannes der Welt” besinnen würde:
Die Besetzer des amerikanischen Landes ließen wie üblich internationale Umsicht vermissen und lachten freimütig über die Dada-isierung des kompletten politischen Apparates, für die ein paar Kriege als Gewürz willkommen waren.

Und auch in Zukunft scheinen die Amerikaner mit der Demontage der Macht durch gezielte, absichtliche und plumpe Installation einer Verarsche zur Belustigung des Volkes fortfahren zu wollen: Jetzt lassen die offenen Rassisten und Sexisten zu ihrer Belustigung an der Verunglimpfung der Obrigkeit sogar Frauen und Schwarze ernsthaft am Wahlkampf teilnehmen.
Ein unzurechnungsfähiger Alkoholiker mit Cowboyhut firmierte zwar gut als Persiflage ihrer selbst, bot aber wohl noch zu viele Identifikationsmöglichkeiten, um vollends darüber lachen zu können.



(ohne freundliche Genehmigung von spiegel.de)

alternative Herrschaftsformen I

25. Dezember 2007 - Veröffentlicht in Photo, Written | Keine Kommentare »

Die Erprobung, Diskussion und Evaluation alternativer Herrschafts-, Ordnungs-, und Regierungsformen im makrosoziologischen Bereich ist noble Pflicht des politisch Interessierten.

Um dieser Pflicht Genüge zu tun, befindet sich momentan bei mir im Test:


die dynamische, einzelfallorientierte Hausordnung


Ergebnisse der ersten Zwischenevaluation:


Vorteile:

- leicht verständlich, geringer Umfang

- absolute Eindeutigkeit in 100% der Anwendungsfälle

- minimaler Interpretations- und Auslegungsspielraum

- hohe Verfahrenseffizienz, schnelle Urteilsfindung

- ebenso schnelle Vollstreckung

- juristische Widerspruchsmöglichkeiten (Revisionen, Bemängelung von Verfahrensfehlern) erübrigen sich, weil sie ebenfalls in der Hausordnung geregelt sind.

- Regierungswechsel und Revolutionen unkompliziert


Nachteile:

- Anfertigung mehrerer Ausführungen vermindert Eindeutigkeit

- Leichtigkeit von Regierungswechseln und Revolutionen vermindert Stabilität der Herrschaft.


Augenzeugenbericht: Stowasser liest und labert.

19. November 2007 - Veröffentlicht in Written | Keine Kommentare »

Horst Stowasser,  wahrscheinlich bekanntester deutscher Anarchist, las und laberte heute im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin. Natürlich waren es Interesse, Notwendigkeit und Selbstverständlichkeit, die ein Fehlen für mich nicht in Frage kommen ließen – und mich dann einer herben Enttäuschung aussetzen.

“Anarchie ist machbar…”

Mit diesem Titel kündigte die taz die Lesung an. Leider schaffte es Stowasser nicht, über dieses Niveau herauszuwachsen, geschweige denn, diese Aussage auch nur im Ansatz zu begründen.
Es sei jedoch außer Frage gestellt, dass Stowasser dazu in der Lage ist, hat er doch durchaus eingehend zum Thema recherchiert, und nachweislich fundierte Kenntnisse in seinen (m. E. zu Unrecht) als Standardwerke geltenden Büchern dokumentiert.
Bereits an seinen bisherigen Veröffentlichungen störte mich die wenig differenzierte, unkritisch romantisierende und verherrlichende Darstellung der immer noch (viel zu) wenigen (temporär) erfolgreichen anarchistischen Projekte.
Sein neues Buch umfasst 510 Seiten, und sollte an diesem Abend vorgestellt werden. Oder vielmehr die Anarchie, wie der Autor sein Ziel zu Beginn erklärte, was Böses ahnen ließ, und schlimmstenfalls als Beleidigung, bestenfalls als katastrophale Unterschätzung des Publikums zu werten war, das auf einleitende Nachfrage durchaus die eine oder andere interessante Definition zitieren konnte. Stowasser hingegen zitiert seinen Vater und stellt einleitend fest “Anarchie ist Quatsch.”
Und als solche stellt er sie denn auch dar. Die Undifferenziertheit der Darstellung und Beschreibung, die jegliche theoretischen Überlegungen, jedwede Anlehnung an Wissenschaft, oder sei es nur Philosophie, vermissen lässt, auch an Stellen, an denen wissenschaftliche Untermauerung auf der Hand liegt, wird nur von seinem äußerst angenehmen Schreibstil, und der noch angenehmeren Art, vorzulesen, überboten. Allein, wer soll das alles lesen, nur weil es angenehm geschrieben ist? Wer soll sich stundenlang die Dinge, die er/sie schon weiß, vorlesen lassen, nur weil der Vorleser gut vorliest?
Und so erzählt er auch in epischer Breite und ganz und gar nicht ohne Stolz, wie oft er seiner Tochter etwas vorlese, und deren Freundinnen deshalb so gerne zu Gast seien. Überhaupt bekommt der Hörer schnell den Eindruck, dass es der Hang zur Selbstdarstellung und die Freude am Vorlesen und Labern sind, die Stowasser an diesem anekdotengeschwängerten Abend antreiben, während sich andererseits der Verdacht aufdrängt, in den allabendlichen Vorleserunden den Grund für den oberflächlichen Schreibstil und die einen Erwachsenen konsequent unterfordernde Inhaltsarmut den Buchs gefunden zu haben, in dem jedes Kapitel wie eine Kindergeschichte mit Happy End zu enden scheint, obwohl doch zentrale Fragen (in diesem Buch) ungeklärt bleiben, notwendige Diskurse nicht geführt werden. Was sich wie ein roter Faden durch die ausgewählten Kapitel zieht, ist das immer wieder fehlende Argument.
Normative Konzepte wie Kriminalität werden nicht in Frage gestellt, es wird die alte Überlegung vom an der Gesellschaft erkrankten Individuum bemüht, aber nicht vertieft, und schließlich mit einer 50 Jahre alten Polizeistatistik “belegt”, dass die Kriminalitätsrate nicht ansteige, wenn “alle Knackis” rauskommen – aber warum man sie rauslassen müsse, versäumt er abermals auch nur andeutungsweise zu begründen. “So viel zum Thema Kriminalität, das Ökonomie-Kapitel überspringe ich, denn das hat (betonend) vier-und-vier-zig! Seiten…” (das muss ja wirklich sehr komplex sein)
Und so fehlte mir in der Pause auch die Begründung, mich nicht den in Scharen davonströmenden Menschen anzuschließen.
Schade.

Nachruf auf einen Freund und Nachbarn

9. November 2007 - Veröffentlicht in Photo, Written | Keine Kommentare »

Mein Freund und Nachbar Frank ist vorgestern gestorben. Ich fand seine Leiche auf dem Weg in den Hof. Sie war in der Tür eingeklemmt – und zwar nicht dort, wo die Türklinke ist, sondern auf der Seite der Scharniere. Ich war der erste am Tatort, kam aber für jede Hilfe zu spät.

Selbst wird Frank sich die Schädel- und Thorso-Quetschungen, die zu seinem Tod geführt haben, nicht zugefügt haben können. Für einen Selbstmordversuch machte er immer einen viel zu lebensfrohen und vitalen Eindruck. Auch seine wirtschaftliche Lage ließ keine Wünsche offen: Angenehme, “szenige” Wohnlage, immer genug zu essen (wofür häufig ich gesorgt habe), allein in letzter Zeit wurde es in Anbetracht des Wetters ein bisschen unangenehmer… Ich muss zugeben ich weiß nicht, wie es um seine Beziehung stand, und habe seine Freundin nach Franks Tod auch nicht mehr gesehen. Nicht zuletzt aber war Frank sicherlich auch zu schwach, sich diese Verletzungen mit der Tür aus eigener Kraft zuzufügen.

Die ganze Sache also leichtfertig als Unfall zu bezeichnen, und zu akzeptieren, fällt mir schwer. Aber wer sollte Frank etwas böses gewollt haben? Soweit ich weiß, hatte er außer dem Ehepaar Elster, das aber nach hinten raus gewohnt hat, und schon vor einiger Zeit ausgezogen ist, keine Feinde, und erst recht keine, die die notwendige Kraft und ein Motiv für einen derart brutalen und unbarmherzigen Mord hätten.

Frank, die Umstände, die zu deinem Tod geführt haben, werden mir wohl immer ein Rätsel bleiben, ebenso wie die Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit der friedlichen, liebevollen Fürsorge, die unsere Nachbarschaft geprägt hat. Ging es mir schlecht, hast du mich durch einen kleinen Besuch am Fenster aufgemuntert. Hattest du Hunger, so gab es bei mir immer etwas.

Als letzte Ehrerweisung habe ich deinen leeren Meisenknödel auf Halbmast gehängt.

in stiller Trauer,

Linus


MySpack

24. Januar 2007 - Veröffentlicht in Written | 2 Kommentare »

oder: Warum man MySpace, StudiVZ und Konsorten boykottieren MUSS.

Die Versprechungen sind großartig, umfangreich und… vielversprechend: All meine (studierenden) aktuellen, zukünftigen und ehemaligen Freunde werde ich dort finden, den Namen des süßen Mädels aus der ersten Reihe nicht nur problemlos herausfinden, sondern auf dem Silbertablett zusammen mit ihren Hobbies, Interessen, Photos, zuletzt besuchter Schule, nun besuchter Universität nebst Studienfach und besuchten Veranstaltungen und eben ihres gesamten Freundeskreises präsentiert bekommen. Und nicht nur das: StudiVZ nennt mir auch direkt die Kette von Bekannten, die ich in Bewegung setzen muss, um sie (wenn gewünscht persönlich) kennenzulernen: “Du kennst jeden um 7 Ecken.” Für absolute Anthrophobiker bietet sich jedoch auch die direkte Möglichkeit, betreffende Person (übrigens ohne deren Möglichkeit, Einwilligung zu verwehren) per Klick zu “gruscheln.”

Die rasante Akzeptanz dieses Neolinguismus’ ist neben den steigenden Mitgliedzahlen ein ebenso bedauerlicher wie eindeutiger Indikator für die rasante Akzeptanz und Etablierung der neuen völlig kontakt- und inhaltslosen Kommunikationsplattform: Nachdem die geistige Unterschicht schon seit Jahren auf das kümmerliche Dasein ihres Wunsch-Selbsts nebst dem der Haustiere unter MySpace.com auf penetrante Art und Weise aufmerksam macht und – schlimmer – bei Leidensgenossen damit Interesse statt Mitleid oder der gebührenden Verachtung erregt, hat diese Entwicklung nun auch vor der heranwachsenden künftigen “Elite” keinen Halt gemacht. Gewiss, man möchte gerne unter sich sein: “STUDI”-VerZeichnis eben. Man sollte den Erfindern für die Verwendung dieses Namens danken, ist doch die Verwendung des Wortes “Studi” zumindest Garant für den freiwilligen Selbstausschluss jener Studenten mit zumindest einem Mindestmaß an Restintelligenz in den Weiten des flüssigkeitsgetränken Schwamms zwischen ihren Ohren.

1. Ich und Wunsch-Ich

Wer einmal Seiten wie MySpace.com oder StudiVZ.de besucht hat (Tip: NOCH ist eine weitgehend unkontrollierte, falsche Angaben ermöglichende “Immatrikulation” möglich – s.u.), dem fallen schnell Diskrepanzen zwischen der im persönlichen Kontakt erlebten und der im Netz dargestellten Realität auf: Enge Freunde vermag man auf den extrem positivistischen und bis zur Unkenntlichkeit manipulierten Bildern kaum zu erkennen, wirft man einen Blick auf die geschilderten Hobbies, erhärtet sich der Eindruck, die betreffende Person sei allenfalls ein Doppelgänger, einem sicherlich jedoch persönlich nicht bekannt. Wunderlich wird es dann, wenn man “Lieblingsbücher” und ausgewählte Zitate der Personen betrachtet. Am Ende outet sich jeder noch so stumpfe und durch penetrante Präsentation tiefgreifender Dummheit täglich negativ auffallende Mitläufer als tiefgreifender und tiefkritischer Philosoph mit depressiven Elementen. Ist ja im Moment auch angesagt. Und entsprechend scheint auch die Beliebtheit beim Einstieg ins Studi-VZ sprunghaft anzusteigen: 140 bis 250 “Freunde” zu berichten (MySpack-Gründer “Tom” bingt es auf mehrere Millionen) ist keine Seltenheit, sondern Durchschnitt, während ich als kümmerlicher, der alten Realität verhafteter mit der konservativen Auffassung von Freundschaft es mir zum noblen Ziel gesetzt habe, im Laufe meines Lebens die magische Marke der “20″ zu knacken. Doch es ist nicht der Neid, der mich antreibt: Vielmehr ist es ein Bedauern der Verluste von Individualität, Intimität und wahrer Persönlichkeit, die mit dem Betrug, der bei den Eintragungen im vorgefertigten Formular des Studi-VZ von dessen Opfern zuallererst an sich SELBST vorgenommen wird. Eine Welt voll Lug und Trug, voller Sein-wollen und Selbstdarstellung – die die zugegebenermaßen auch nicht perfekten Umgangsformen der verbleibenden Realität ersetzt, das jedoch nicht immer zum Vorteil: Auf einen jederman(n) zustehenden Kommentar à la “Wow, auf dem Bild siehst du aus, als hättest du echt große Möpse” kann die Betroffene leider nicht mehr mit der gebührenden Ohrfeige reagieren – und tut dies auch nicht mehr! Denn im gleichen Ausmaß, wie die “Profile” der VZ’ler philophische Überlegungen (meist anderer, um auf der sicherern Seite zu sein auch noch berühmter Personen) und Tiefgründigkeit vermitteln, nehmen Oberflächlichkeit, Unflat und purer, schmerzhafter Unsinn in den Gesprächen ein ebenso nicht für möglich gehaltenes Ausmaß an. Was wir hier beobachten ist das Entstehen einer komplett neuen Qualität menschlichen Miteinanders, das mit dem Versprechen, dass nun jeder endlich so sein könne, wie er sein will, eine Inflation des Freundschaftsbegriffs und eine nie gekannte Oberflächlichkeit bei maximalem Selbstbetrug etabliert. Welcher Mensch mit einem Mindestmaß an Restsensibilität für das Dasein und Interesse am Leben vermag seinen Hunger am gegenseitigen Belügen sich selbst Belügender zu stillen?

2. Wo KANN nur das wirtschaftliche Interesse liegen?
Die Idee Studi-VZ, von einigen wenigen (findigen?) Studenten ersonnen, war nun dem Holtzbrinck-Verlag die läppsche Summe von 85 Millionen Euro wert. Und das, obwohl die Seite keinerlei Umsätze macht, und diese auch – da der Inhalt von den Nutzern selbst zur Verfügung und die Möglichkeit dazu Ihnen wiederum kostenlos angeboten wird, nur durch Werbeeinnahmen zu erwirtschaften wären. Die Seite ist jedoch bisher weitgehend werbefrei und macht monatlich beträchtliche Verluste. Gemessen an der aktuellen Zahl der “Immatrikulierten” entspricht der Kaufpreis jedoch ca. 85-100 Euro pro Nutzer. Welche Motivation mag man hinter diesem Kauf vermuten?

Direkter wirtschaftlicher Erfolg durch Werbeeinnahmen lässt sich langfristig ausschließen. Interessanter mag jedoch natürlich die ungeheure Datensammlung sein, die sich hinter der Seite verbirgt. Im Gegensatz zu MySpace motiviert das System Studi-VZ als solches zur Angabe korrekter Daten – schließlich will man ja auch anhand dieser gefunden werden. Als Basis-Datenbank hinter der freundlichen Oberfläche verbirgt sich also ein ständig wachsender Datensatz mit freiwillig korrekten Angaben, der sensible Informationen über Interessen, soziales Netztwerk und Bildungsweg (bis hin zu einzelnen besuchten Lehrversanstaltungen) und in der Regel mehrere Photos der Person enthält. Die häufig vorgegebenen Antwortalternativen und -kategorien erleichtern dabei die statistische Auswertung und die Bildung von Gruppen nach frei wählbaren Kriterien.

“Zielgruppenorientierte Werbung” wäre noch das geringste aller mit diesem Datensatz anzurichtenden Übel…

Und natürlich werden solche Datensätze auch genutzt! Von einer Kooperation des Portals GayRomeo.de mit ähnlichem, wenngleich noch sehr viel sensiblerem Inhalt und der Humboldt-Uni Berlin weiß ich aus erster Hand (von einem “Studi,” der an der Datenauswertung beteiligt war und in fröhlichen Runden von den Wonnen der “teilnehmenden Beobachtung” zu berichten wusste.
Und ja, auch mich als “Psycho-Studi” juckt es geradezu in den Fingern, diesen Datensatz mit den mir in bekannten Methoden auszuwerten.

Man mag einwenden, dass Studi-VZ einen Schutzmechanismus gegen “Bots” – automatisierte Programme zum Auslesen des Datensatzes einsetzt - das würde ich aber bei einem Datensatz, für den ich 85 Millionen hingelegt habe, auch tun.

Roamin’ around

15. Januar 2007 - Veröffentlicht in Written | Keine Kommentare »

Let’s take a walk with no point and no purpose
just get outside and go around the block
Im kind of bored and so are you, let’s go kill an hour or two
Just take a walk with no point an no purpose
Cause I got nothing on my mind
I wonder what I may find
My shoes are the only sound
Roamin’ around

Die vermeintliche Magen-Darm-Grippe hatte ich mithilfe der von einem Freund meines Vaters empfohlenen Grog-Therapie zu kurieren versucht. Leider hatte ich keinen Rum zur Hand, und hatte mich daher mit einer Viertelflasche Ballantine’s Whisky begnügen müssen, die ich mit Erkältungstee mischte. Zur Magen-Darm-Grippe mutierte die anfängliche Erkältung dann auch erst am nächsten Morgen, wobei unklar bleibt, ob dabei ein Zusammenhang zum Whisky bestand. Aber das ist eine andere Geschichte. Da die Flasche Whisky nun leer war, musste ich mir am nächsten Abend eine andere Beschäftigung ausdenken. Irgendwie musste ich in den Schlaf finden. Mein übliches Schlafmittel hatte ich irgendwo verlegt, an Alkohol traute ich mich aufgrund der morgendlichen Erfahrung zunächst nicht heran. Gegen Mitternacht entschied ich mich dann zum guten alten Kiez-Spaziergang, der insbesondere zu Zeiten der Melancholie und der Scheißerei aber auch in jeder anderen Lebenslage eine beruhigende Wirkung zu entfalten versprach.

Zunächst schlich ich zu den üblichen Verdächtigen – meinen Stammkneipen. Von außen war aber niemand mir bekanntes zu erkennen, und ich kann nicht einfach in eine Kneipe gehen, in der ich niemanden kenne – erst recht nicht in beklagenswert nüchternem Zustand. Somit hatte sich die Bier-Frage ziemlich schnell beantwortet. Welch einen Segen stellen die Spätis dar. Mein Vater stellte bei einem vergangenen Friedrichshain-Besuch all seine Auffassungsgabe mit der absolut korrekten Feststellung unter Beweis: “An jeder Ecke ein Spätkauf und auf der Straße haben alle ein Bier in der Hand. Ich komm mir ganz nackt vor.”
Überraschend schnell begegnete ich Menschen, die ich kannte. Ich wurde gar eingeladen, sie zu einer WG-Party zu begleiten. Nun muss man sich das Dilemma vorstellen, in dem ich mich befand. Natürlich war diese Einladung genau das, wonach ich mich den ganzen Tag gesehnt hatte, während ich depressiv und einsam depressiver und einsamer wurde. Leider war ich inzwischen auf einem Derpressionsniveau psychiatrischen Ausmaßes angelangt, das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorhersagte, dass eine WG-Party voller toller Frauen nun nicht unbedingt stimmungsaufhellend wirken würde. Ich erklärte also höflich meinen Verzicht, um diese Entscheidung noch vor der Äußerung zu bereuen. Dennoch – das Gefühl, in einer Großstadt wie dieser nur kurz vor die Tür gehen zu üssen, um Leite zu treffen, die man kennt, und dann noch direkt eine Party-Einladung zu erhalten, baute mich durchaus auf. Ich kaufte mir im Späti noch ein Bier.

In der Niederbarnimstraße randalierte ein Prolet. Mehrmals drohte er seiner Freundin „vor den Kopp zu treten.“ Das fand ich ziemlich unangebracht und wollte mich vergewissern, dass er das nicht tun würde beziehungsweise wenn er es denn tun würde, als Zeuge bereitstehen, wenn nicht gar als Held einschreiten, wobei ich mich da nicht festlegen wollte. Sofern ich sein cholerisches Genuschel richtig verstanden habe, ging es um einen vermissten Schlüssel, den die junge Dame gesucht und gefunden hatte, während der alkoholisierte Choleriker auf der Eingangstreppe alkoholisiert und cholerisch gewartet hatte. Zu meiner Überraschung ließ sie den besagten auch noch ins Haus, wo er sofort fleißig begann, gegen Briefkästen, Haustür und Wände zutreten, während er sich ständig wiederholenden, niveaulosen Unflat von sich gab. Wieder überlegte ich, schlichtend einzuschreiten – vielleicht hätte ich das tun sollen. Aber ich bin feige, also dachte ich darüber nach, die Bullen zu rufen. Aber die haben ja auch anderes zu tun, alkoholisierte Choleriker davor zu bewahren, sich zu blamieren.

Inzwischen hatte ich mir das Schauspiel schon einige Zeit angeschaut und war mir sicher, dass die von dieser Person ohne Zweifel niedrigen Bildungsniveaus ausgehende Gefahr sich höchstens auf die Briefkästen bezog. Dennoch bleibt mir schleierhaft, wie das junge Mädchen das eindeutig unangemessene Verhalten auch noch dadurch belohnte, dass sie den „Alcholeriker“ mittels des nun gefundenen Schlüssels zunächst ins Haus, und dann allem Anschein nach auch noch in ihre Wohnung ließ. Da es nun nichts mehr zu Sehen gab, setzte ich meinen Spaziergang fort. Nochmals dachte ich daran, die Bullen zu rufen, aber irgendwie drängte sich mir einerseits das Gefühl auf, dass die bemitleidenswerte Kreatur, die sich in der Position befand, offensichtlich auch noch eine sexuelle Kontakte nicht ausschließende Beziehung zu dieser bedauernswerten Vergeudung menschlichen Lebens zu haben, aus Angst vor den angedrohten „Tritten gegen den Kopp“ alles leugnen und den Schmalspur-Schläger wahrscheinlich auch noch in Schutz nehmen würde, andererseits die diffuse Ahnung, dass die Ordnungsmacht an anderer Stelle gebraucht würde.

Bereits zum dritten Male passierte ich den Feuermelder, in dem zu meiner wiederholten Überraschung immer noch kein bekanntes Gesicht zu sehen war, und landete schließlich in der Loge. Dort waren mir wenigstens Wirt und Barpersonal bekannt, so dass ich hier gefahrlos einen Besuch riskieren konnte. Offensichtlich fand dort eine Art Privat-Geburtstagsfete statt. Leider versaute eine junge Frau (und „jung“ ist jetzt geschmeichelt) mir die Überraschung, als sie mich mit großen Augen fragte, ob ich der Stripper sei. Der kam dann auch just in diesem Moment in der einfallsreichen Tarnung eines Pizza-Lieferanten. Leider waren die Pizza-Kartons leer – stattdessen tat er das, was Stripper eben tun. Er strippte. Einer der Gäste brachte es auf den Punkt, als er inmitten des Geschreis aller anwesenden Frauen feststellte „Die Kerls hier schreien ja lauter als die Weiber!“ Es war eine Heten-Party und ausnahmslos alle anwesenden Männer standen möglichst lässig in einer Position, die ihnen unauffällig eine möglichst uneingeschränkte Sicht ermöglichte – aber zu dieser lässigen Pose gehörte natürlich auch eine möglichst emotionslose Reaktion auf das Geschehen. Schreien gehörte somit nicht dazu. Mit anderen Worten der Mann irrte, oder verfolgte sonstige mir unbekannte Absichten mit seiner offensichtlichen Falschaussage. Mir jedoch wurde einfach nur schlagartig bewusst, dass es Zeit für einen erneuten Ortswechsel war, denn wenn ich eines nicht ertrage, dann ist es das erbärmliche Gewäsch chronisch unerfüllter 7-Bier-Schwuler, die im traurigen Alter von sicherlich weit über 30 Jahren versäumt haben, ihre eigene Sexualität zu entdecken. Und wenn eins traurig ist, dann doch wohl das. Insbesondere in dieser Stadt, die das Versprechen gibt, dass sich für alle sexuellen Wünsche ein Partner finden lässt. Warum dies bei meinen noch nicht einmal besonders unkonventionellen Wünschen so selten klappt? Irgendetwas stimmt mit dieser Stadt anscheinend nicht…

Ich leerte mein inzwischen warmes und schales Bier – ja, auch mich hatte der Stripper nicht unbeeindruckt gelassen – und verließ das Lokal, um direkt auf der Straße von einem Altersgenossen gefragt zu werden; „Entschuldigen Sie, wissen Sie, wo das ‚Raumklang’ ist?“ Nun muss ich erwähnen, dass ich 23 Jahre alt bin und ein gespaltenes Verhältnis zur Siez-Duz-Frage habe. Werde ich zum Beispiel an der Rossmann-Kasse von einer übertrieben und unfachmännisch geschminkten allem Anschein nach 6-fachen Mutter über 60 geduzt, so reagiere ich pampig. Allerdings gilt mein völliges Verständnis all jenen über 30, für die ein unerwartetes Siezen arge Selbstzweifel und mitunter übertriebene Reaktionen hervorruft. In diesem Fall also – unter gleichaltrigen – erschien mir dieses Siezen völlig fehl am Platze – seine besondere Würze erhielt es aber durch die sicherlich an den Knien kratzende Hose und der schief auf dem Kopf sitzenden Mütze des sich zweifelsohne der Hip-Hop-Szene zugehörig empfindenden Sprechers, der trotz Berliner Mundart bemüht war, den momentan in dieser Szene anscheinend beliebten Hamburger Akzent nachzuahmen. Mein Hinweis auf die Unnötigkeit des Siezens wurde beantwortet mit „Ey Sorry, Alder, das ist für mich einfach ein Anstands-Ding, wenn ich Sie sieze…“ Spiegel- und sonstige konservative Redakteure können also beruhigt sein, der Anstand wird auch von den heutigen Heranwachsenden gewahrt, und gar Punks auf der Straße gesiezt. Gerade jene Menschen, die den Verfall des Anstands in meiner Generation beklagen, sprechen mich äußerst selten in S-Bahn, U-Bahn und an welchen sonstigen unheiligen Orten man ihnen begegnet, mit dieser vermeintlich gebotenen Anstandsform an. Das sollte einen stutzig machen.

Da der Abend mir unverhofft viel geboten hatte, entschied ich mich nun voller Mut und Tatendrang, meine letzten 2,50€ in den von mir zuvor vielmals belächelten Laden zu investieren, der unweit meines Zuhauses „Caipirinha & Cuba Libre to go“ zu eben jenem Preis feilbot. Schon von Weitem wiesen mir monotone „Einer geht noch…“-Gesänge von der stereotypen Niveau- und Sorgenfreiheit, die man nur auf Klassenfahrten findet, den Weg. Dem vorangegangenen Abend entsprechend entschied ich mich für ein Cuba Libre, der mir in Berlin-üblicher „to go“-Manier im Plastik-Becher serviert wurde. Eine Weile beobachtete ich noch die Teenie-Horde. Vor etwas mehr als drei Jahren war ich noch am Boden zerstört, weil ich im Zuge meines zwanzigsten Geburtstages des Teenager-Statuses verlustig wurde. In diesem Moment schienen mir diese, meine eigenen Reak- und Emotionen, die ich damals am eigenen Leibe erleben konnte, absolut nicht nachvollziehbar – zum ersten Mal in meinem Leben. Zwei Häuser weiter bestätigte sich dann meine in Anbetracht des „Alcholerikers“ zur Entschuldigung meines Nichteingreifens formulierte These – die Ordnungsmacht wurde tatsächlich an anderer Stelle gebraucht: Es war inzwischen halb 2 Uhr nachts und 3 allerhöchstens 13-Jährige allem Jungen „südländischen Aussehens“ (für alle, die keine Zeitung lesen: ein momentan gern verwendeter „politisch korrekter“ Begriff für „Türke“) wurden von der vom Betreiber gerufenen Polizei aus einem Internetcafé entfernt. Ich ging nach Hause in der ruhigen Gewissheit, dass ich in diesem Alter um diese Uhrzeit nicht in ohnehin rund um die Uhr geöffneten und zu jeder Uhrzeit gleich langweiligen Internetcafés, sondern in Kneipen, mit der fleißig auswendig gelernten, möglichst emotionslos vorgetragenen Entschuldigung „Leider habe ich meinen Perso nicht dabei, sondern nur meinen (mittels Tintenkiller vollständig überarbeiteten, mich als Siebzehnjährigen ausgebenden) Schülerausweis“, derart peinliche Situationen stets erfolgreich zu umgehen wusste.

Endlich konnte ich schlafen.

Roamin’ around

15. Januar 2007 - Veröffentlicht in Written | Keine Kommentare »

Let’s take a walk with no point and no purpose
just get outside and go around the block
Im kind of bored and so are you, let’s go kill an hour or two
Just take a walk with no point an no purpose
Cause I got nothing on my mind
I wonder what I may find
My shoes are the only sound
Roamin’ around

Die vermeintliche Magen-Darm-Grippe hatte ich mithilfe der von einem Freund meines Vaters empfohlenen Grog-Therapie zu kurieren versucht. Leider hatte ich keinen Rum zur Hand, und hatte mich daher mit einer Viertelflasche Ballantine’s Whisky begnügen müssen, die ich mit Erkältungstee mischte. Zur Magen-Darm-Grippe mutierte die anfängliche Erkältung dann auch erst am nächsten Morgen, wobei unklar bleibt, ob dabei ein Zusammenhang zum Whisky bestand. Aber das ist eine andere Geschichte. Da die Flasche Whisky nun leer war, musste ich mir am nächsten Abend eine andere Beschäftigung ausdenken. Irgendwie musste ich in den Schlaf finden. Mein übliches Schlafmittel hatte ich irgendwo verlegt, an Alkohol traute ich mich aufgrund der morgendlichen Erfahrung zunächst nicht heran. Gegen Mitternacht entschied ich mich dann zum guten alten Kiez-Spaziergang, der insbesondere zu Zeiten der Melancholie und der Scheißerei aber auch in jeder anderen Lebenslage eine beruhigende Wirkung zu entfalten versprach.

Zunächst schlich ich zu den üblichen Verdächtigen – meinen Stammkneipen. Von außen war aber niemand mir bekanntes zu erkennen, und ich kann nicht einfach in eine Kneipe gehen, in der ich niemanden kenne – erst recht nicht in beklagenswert nüchternem Zustand. Somit hatte sich die Bier-Frage ziemlich schnell beantwortet. Welch einen Segen stellen die Spätis dar. Mein Vater stellte bei einem vergangenen Friedrichshain-Besuch all seine Auffassungsgabe mit der absolut korrekten Feststellung unter Beweis: “An jeder Ecke ein Spätkauf und auf der Straße haben alle ein Bier in der Hand. Ich komm mir ganz nackt vor.”
Überraschend schnell begegnete ich Menschen, die ich kannte. Ich wurde gar eingeladen, sie zu einer WG-Party zu begleiten. Nun muss man sich das Dilemma vorstellen, in dem ich mich befand. Natürlich war diese Einladung genau das, wonach ich mich den ganzen Tag gesehnt hatte, während ich depressiv und einsam depressiver und einsamer wurde. Leider war ich inzwischen auf einem Derpressionsniveau psychiatrischen Ausmaßes angelangt, das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorhersagte, dass eine WG-Party voller toller Frauen nun nicht unbedingt stimmungsaufhellend wirken würde. Ich erklärte also höflich meinen Verzicht, um diese Entscheidung noch vor der Äußerung zu bereuen. Dennoch – das Gefühl, in einer Großstadt wie dieser nur kurz vor die Tür gehen zu üssen, um Leite zu treffen, die man kennt, und dann noch direkt eine Party-Einladung zu erhalten, baute mich durchaus auf. Ich kaufte mir im Späti noch ein Bier.

In der Niederbarnimstraße randalierte ein Prolet. Mehrmals drohte er seiner Freundin „vor den Kopp zu treten.“ Das fand ich ziemlich unangebracht und wollte mich vergewissern, dass er das nicht tun würde beziehungsweise wenn er es denn tun würde, als Zeuge bereitstehen, wenn nicht gar als Held einschreiten, wobei ich mich da nicht festlegen wollte. Sofern ich sein cholerisches Genuschel richtig verstanden habe, ging es um einen vermissten Schlüssel, den die junge Dame gesucht und gefunden hatte, während der alkoholisierte Choleriker auf der Eingangstreppe alkoholisiert und cholerisch gewartet hatte. Zu meiner Überraschung ließ sie den besagten auch noch ins Haus, wo er sofort fleißig begann, gegen Briefkästen, Haustür und Wände zutreten, während er sich ständig wiederholenden, niveaulosen Unflat von sich gab. Wieder überlegte ich, schlichtend einzuschreiten – vielleicht hätte ich das tun sollen. Aber ich bin feige, also dachte ich darüber nach, die Bullen zu rufen. Aber die haben ja auch anderes zu tun, alkoholisierte Choleriker davor zu bewahren, sich zu blamieren.

Inzwischen hatte ich mir das Schauspiel schon einige Zeit angeschaut und war mir sicher, dass die von dieser Person ohne Zweifel niedrigen Bildungsniveaus ausgehende Gefahr sich höchstens auf die Briefkästen bezog. Dennoch bleibt mir schleierhaft, wie das junge Mädchen das eindeutig unangemessene Verhalten auch noch dadurch belohnte, dass sie den „Alcholeriker“ mittels des nun gefundenen Schlüssels zunächst ins Haus, und dann allem Anschein nach auch noch in ihre Wohnung ließ. Da es nun nichts mehr zu Sehen gab, setzte ich meinen Spaziergang fort. Nochmals dachte ich daran, die Bullen zu rufen, aber irgendwie drängte sich mir einerseits das Gefühl auf, dass die bemitleidenswerte Kreatur, die sich in der Position befand, offensichtlich auch noch eine sexuelle Kontakte nicht ausschließende Beziehung zu dieser bedauernswerten Vergeudung menschlichen Lebens zu haben, aus Angst vor den angedrohten „Tritten gegen den Kopp“ alles leugnen und den Schmalspur-Schläger wahrscheinlich auch noch in Schutz nehmen würde, andererseits die diffuse Ahnung, dass die Ordnungsmacht an anderer Stelle gebraucht würde.

Bereits zum dritten Male passierte ich den Feuermelder, in dem zu meiner wiederholten Überraschung immer noch kein bekanntes Gesicht zu sehen war, und landete schließlich in der Loge. Dort waren mir wenigstens Wirt und Barpersonal bekannt, so dass ich hier gefahrlos einen Besuch riskieren konnte. Offensichtlich fand dort eine Art Privat-Geburtstagsfete statt. Leider versaute eine junge Frau (und „jung“ ist jetzt geschmeichelt) mir die Überraschung, als sie mich mit großen Augen fragte, ob ich der Stripper sei. Der kam dann auch just in diesem Moment in der einfallsreichen Tarnung eines Pizza-Lieferanten. Leider waren die Pizza-Kartons leer – stattdessen tat er das, was Stripper eben tun. Er strippte. Einer der Gäste brachte es auf den Punkt, als er inmitten des Geschreis aller anwesenden Frauen feststellte „Die Kerls hier schreien ja lauter als die Weiber!“ Es war eine Heten-Party und ausnahmslos alle anwesenden Männer standen möglichst lässig in einer Position, die ihnen unauffällig eine möglichst uneingeschränkte Sicht ermöglichte – aber zu dieser lässigen Pose gehörte natürlich auch eine möglichst emotionslose Reaktion auf das Geschehen. Schreien gehörte somit nicht dazu. Mit anderen Worten der Mann irrte, oder verfolgte sonstige mir unbekannte Absichten mit seiner offensichtlichen Falschaussage. Mir jedoch wurde einfach nur schlagartig bewusst, dass es Zeit für einen erneuten Ortswechsel war, denn wenn ich eines nicht ertrage, dann ist es das erbärmliche Gewäsch chronisch unerfüllter 7-Bier-Schwuler, die im traurigen Alter von sicherlich weit über 30 Jahren versäumt haben, ihre eigene Sexualität zu entdecken. Und wenn eins traurig ist, dann doch wohl das. Insbesondere in dieser Stadt, die das Versprechen gibt, dass sich für alle sexuellen Wünsche ein Partner finden lässt. Warum dies bei meinen noch nicht einmal besonders unkonventionellen Wünschen so selten klappt? Irgendetwas stimmt mit dieser Stadt anscheinend nicht…

Ich leerte mein inzwischen warmes und schales Bier – ja, auch mich hatte der Stripper nicht unbeeindruckt gelassen – und verließ das Lokal, um direkt auf der Straße von einem Altersgenossen gefragt zu werden; „Entschuldigen Sie, wissen Sie, wo das ‚Raumklang’ ist?“ Nun muss ich erwähnen, dass ich 23 Jahre alt bin und ein gespaltenes Verhältnis zur Siez-Duz-Frage habe. Werde ich zum Beispiel an der Rossmann-Kasse von einer übertrieben und unfachmännisch geschminkten allem Anschein nach 6-fachen Mutter über 60 geduzt, so reagiere ich pampig. Allerdings gilt mein völliges Verständnis all jenen über 30, für die ein unerwartetes Siezen arge Selbstzweifel und mitunter übertriebene Reaktionen hervorruft. In diesem Fall also – unter gleichaltrigen – erschien mir dieses Siezen völlig fehl am Platze – seine besondere Würze erhielt es aber durch die sicherlich an den Knien kratzende Hose und der schief auf dem Kopf sitzenden Mütze des sich zweifelsohne der Hip-Hop-Szene zugehörig empfindenden Sprechers, der trotz Berliner Mundart bemüht war, den momentan in dieser Szene anscheinend beliebten Hamburger Akzent nachzuahmen. Mein Hinweis auf die Unnötigkeit des Siezens wurde beantwortet mit „Ey Sorry, Alder, das ist für mich einfach ein Anstands-Ding, wenn ich Sie sieze…“ Spiegel- und sonstige konservative Redakteure können also beruhigt sein, der Anstand wird auch von den heutigen Heranwachsenden gewahrt, und gar Punks auf der Straße gesiezt. Gerade jene Menschen, die den Verfall des Anstands in meiner Generation beklagen, sprechen mich äußerst selten in S-Bahn, U-Bahn und an welchen sonstigen unheiligen Orten man ihnen begegnet, mit dieser vermeintlich gebotenen Anstandsform an. Das sollte einen stutzig machen.

Da der Abend mir unverhofft viel geboten hatte, entschied ich mich nun voller Mut und Tatendrang, meine letzten 2,50€ in den von mir zuvor vielmals belächelten Laden zu investieren, der unweit meines Zuhauses „Caipirinha & Cuba Libre to go“ zu eben jenem Preis feilbot. Schon von Weitem wiesen mir monotone „Einer geht noch…“-Gesänge von der stereotypen Niveau- und Sorgenfreiheit, die man nur auf Klassenfahrten findet, den Weg. Dem vorangegangenen Abend entsprechend entschied ich mich für ein Cuba Libre, der mir in Berlin-üblicher „to go“-Manier im Plastik-Becher serviert wurde. Eine Weile beobachtete ich noch die Teenie-Horde. Vor etwas mehr als drei Jahren war ich noch am Boden zerstört, weil ich im Zuge meines zwanzigsten Geburtstages des Teenager-Statuses verlustig wurde. In diesem Moment schienen mir diese, meine eigenen Reak- und Emotionen, die ich damals am eigenen Leibe erleben konnte, absolut nicht nachvollziehbar – zum ersten Mal in meinem Leben. Zwei Häuser weiter bestätigte sich dann meine in Anbetracht des „Alcholerikers“ zur Entschuldigung meines Nichteingreifens formulierte These – die Ordnungsmacht wurde tatsächlich an anderer Stelle gebraucht: Es war inzwischen halb 2 Uhr nachts und 3 allerhöchstens 13-Jährige allem Jungen „südländischen Aussehens“ (für alle, die keine Zeitung lesen: ein momentan gern verwendeter „politisch korrekter“ Begriff für „Türke“) wurden von der vom Betreiber gerufenen Polizei aus einem Internetcafé entfernt. Ich ging nach Hause in der ruhigen Gewissheit, dass ich in diesem Alter um diese Uhrzeit nicht in ohnehin rund um die Uhr geöffneten und zu jeder Uhrzeit gleich langweiligen Internetcafés, sondern in Kneipen, mit der fleißig auswendig gelernten, möglichst emotionslos vorgetragenen Entschuldigung „Leider habe ich meinen Perso nicht dabei, sondern nur meinen (mittels Tintenkiller vollständig überarbeiteten, mich als Siebzehnjährigen ausgebenden) Schülerausweis“, derart peinliche Situationen stets erfolgreich zu umgehen wusste.

Endlich konnte ich schlafen.