Die Diskussion zwischen Constanze Kurz, Daniel Domscheit-Berg und Konstantin von Notz war insbesondere deswegen sehr erhellend weil Details über die neue Plattform Openleaks bekannt wurden, die auch für Nahestehende eine Überraschung waren.
Während sich die halbe Welt blödsinnige und unangemessene, weil uninformierte Überlegungen über Julian Assanges Sexualverhalten und die erstaunlichen juristischen Reaktionen darauf Gedanken macht, regen sich bei weitem nicht so viele Leute bei weitem nicht so sehr darüber auf, wie lange der US Private Bradley Manning schon einsitzt.
Jetzt stellt man ihm Strafmilderung in Aussicht, wenn er Julian Assange als Mitverschwörer benennt. Nach aktuellem Kenntnisstand wäre – sofern Manning ihm die Daten überhaupt zugespielt hat, und das müsste er dafür erstmal zugeben – Assange nur (relativ schwer zu belangender) Empfänger des Materials. Offensichtlich versucht man ihm aus einer angeblichen Beratung, wie man Daten bei Wikileaks einreicht, einen Strick zu drehen.
Was man Manning also anbietet ist der klassische “Wir sind ja hinter den Großen her”-Deal. Ohne Zweifel wälzen gerade eine Menge Leute eine Menge Gesetzbücher, um Wege zu finden, wie man Assange belangen könnte. Sollen sie nur weiter machen. Sie schwächen damit nur ihre eigene Glaubhaftigkeit. Assange ist jetzt schon so unberührbar, wie sonst nur Roman Polanski.
Ich glaube das einzige, was Wikileaks hart treffen könnte, wäre eine harrsche Verurteilung eines Whistleblowers, um zukünftige Whistleblowern einzuschüchtern. Stattdessen machen sie Assange zum Helden und Politikum mit Garantie auf jahrelange Medienaufmerksamkeit, vielleicht sogar zum Märtyrer.
Berliner Touristen, Tourismus-Fördernde, sowie die gesamte Tourismusindustrie, sofern sie mit Bernhard Kieker dem Chef der Berlin Tourismus Marketing GmbH übereinstimmen, sind meine neuen Freunde, denn Kieker hat erkannt: “Die größte Gefahr für Berlin ist die Gentrification” – “Wegen der Freiflächen, die es anderswo nicht mehr gibt, kommen die Leute.”
Also: ich will keine Klagen mehr über die “Pillen-Spanier” im Berghain hören. So lange die sich wohlfühlen, könnten wir mit der Tourismus Marketing GmbH endlich einen finanziell gewichtigen Verbündeten gegen das langweilige buntgrau haben, welches unsere “sozialen Biotope” beständig vernichtet. So lange der Tourismus in Berlin sich über diese Faktoren definiert, sind außerdem Effekte auf einerseits die Personengruppen, die sich überhaupt zum Umzug nach Berlin berufen fühlen, sowie andererseits auch auf die Personengruppen, die sich nicht dazu berufen fühlen, bzw. zumindest in den ihrem Milieu, Habitus und Konservatismus entsprechenden Kiezen bleiben, zu erwarten: Für alle drei Gruppen eine win-win-win Situation.
Multikulti, Soziale Mischung usw. in allen Ehren – Täglich verhindert räumliche Distanz weitaus mehr Konflikte, als Toleranz(von lat. tolerare; aushalten,ertragen, erdulden, erleiden) dazu jemals in der Lage wäre.
Für alle noch-nicht-Twitter-Vöglein: #btw09 = Bundestagswahl ’09
Warum geht es da eigentlich? “Um Politik” mag da ein unbedarfter Leser vorschnell antworten. Ja und Nein.
Jaques Rancière unterscheidet Poltik und Polizei – und nutzt beide Begriffe etwas anders, als man sie intuitiv landläufig auffasst: “Polizei” ist dabei die Aufrechterhaltung der bestehenden sozialen Ordnung in ihrem Kern. Und wenn es auch nicht zur Definition gehört, so ist Polizei nach Rancière hauptsächlich das, was sich nur wenig ändert, was nicht zur Debatte steht – der feste Rahmen, in dem sich alles bewegt, und der die Grenzen setzt – und innerhalb dieses engen Rahmens, der eben den Großteil bestimmt, ist es dann völlig egal, ob nun CDU, FDP oder SPD den Sozialstaat abbauen.
Politik hingegen, ist der Streit. Der Kampf um die Macht, genau diesen Rahmen zu bestimmen, also die Änderung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen. Die Änderung dessen, was “Polizei” ist oder sein wird. Politik ist Änderung der Gesellschaft. Polizei ist nur ihre Verwaltung, Stabilisierung und Aufrechterhaltung. Rancière vertritt gemeinhin die Ansicht, das was, was wir als Staat haben, und das was er als Diskurs inszeniert, Polizei ist, und nicht Politik.
Rancière würde also nicht von Politik reden, wenn von einer Gesundheitsreform die Rede ist – sofern diese die bestehende Ordnung nur in Nuancen ändert. Er würde auch nicht von Politik reden, wenn es um die Frage der Festlegung von Hartz-IV-Regelsätzen geht. Denn all das verändert die bestehende Ordnung nicht in ihren Grundsätzen – der Unterwerfung menschlicher Fürsorge und Gesundheit unter kapitalistische Prinzipien, Ausschluss von finanzieller, kultureller und politischer Teilhabe einer breiten Gesellschaftsschicht, die sich nicht verwerten lässt.
Aber würde Rancière von Politik reden, wenn es um Fragen wie Vorratsdatenspeicherung, “Internetsperren”, Verletzungen der Netzneutralität, und massive Eingriffe in die Privatsphäre geht?
Ich habe ihn nicht gefragt, und ich glaube, es kommt ein bisschen darauf an, wie düster das Bild ist, das man sich ohnehin von diesem Staat gezeichnet hat. Für mich stehen diese Schritte einerseits in einer absehbaren, logischen und immanent notwendigen Kette, die auch noch lang kein Ende hat – aber ich erkenne ebenso, dass mit diesen Ansätzen ein Punkt erreicht wird, nach dem vieles nicht mehr so sein wird, wie es einmal war, also eine Veränderung der Gesellschaft stattfindet. Aber wahrscheinlich ist das immer noch Polizei, sonst ginge es auch nicht so glatt runter wie Öl.
Und kaum jemand wird doch wohl noch daran glauben, dass eine Ursula irgendwann morgens im Bad entscheidet, sie müsse etwas gegen Kindesmissbrauch tun, und dann zu den vorgetragenen Überlegungen kommt? Es ist doch inzwischen das am schlechtesten durch Wiefelspütz gehütete Geheimnis, dass Kindesmisshandlung hier als einer der wenigen Bereiche, über die gesellschaftlicher Konses herrscht, weil jeder Widerspruch untolerierbar ist, zum trojanischen Pferd gemacht wurde. An dieser Stelle verweise ich gerne noch einmal auf MOGIS.
Kurzum, ob Politik oder Polizei, es ist ernst.
…Und so sehr ich diesen Staat ablehne, und bei jeder Wahl im Zwist stehe, ob ich durch die Inanspruchnahme meiner sog. Beteiligungsmöglichkeit diesem Staat, dieser Polizei (nach Rancière) Legitimation verschaffen soll…
…Und so sehr ich niemals einer Partei beitreten würde, weil es mir einfach nicht einfiele, einer Vereinigung beizutreten, die so verkommen ist, mich aufzunehmen (siehe Groucho Marx)…
…Kinder, diese Sache ist zu wichtig. Und mit Steinen, Schreien, Demonstrationen, ja nicht einmal Waffengewalt können wir uns dagegen wehren, wenn es einmal so weit ist. Deshalb, hier, ich könnt heulen ob dieses Selbstverrats, meine, verzeiht mir, … Wahlempfehlung für die Zweitstimme. (Erststimme: Pizza Ortolana)
Nicht nur teilt er meine Leidenschaft, alles und jeden und jede Regel in Frage zu stellen, sondern auch meine ausgeprägte Misanthropie, so dass es allein schon durch das warme Gefühl von Verständnis ein Genuss ist, seinen Ausführungen zu folgen – nein, er hat auch noch einen beneidenswerten Hang zur stakkato-artigen Produktion prägnanter, direkt zitierfähiger Weisheiten. Die Menge dieser entlarvenden, sarkastischen Feststellungen ließ mich schon auf der fünften Seite den Entschluss fassen, das Buch noch einmal zu lesen, um sie alle zu markieren und dann auswendig zu lernen.
So sprudelt neben allem Unflat und allem Abschaum, für den es von vielen Kritikern gelobt wird, aus diesem Buch vor allem poststrukturalistische Dialektik: Horsley schreibt über seine Liebe zum Geld, direkt gefolgt von Pamphleten gegen Reiche und verrät im gleichen Satz seinen tiefgreifenden Atheismus. Er schreibt seitenlange Liebeserklärungen an diverse Frauen, und ebenso lange Erläuterungen darüber, dass das schlauste, was je aus dem Mund einer Frau gekommen ist, der Horsley’sche Phallus gewesen sei – und immer hat er dabei vor allem eines: Recht.
“Dandyism is a lie which reveals the truth,
and the truth is that we are what we pretend to be.”
Vielleicht beschreibt man Horsley am besten als jemanden, der seinen Kopf nutzt, um alles in Frage zu stellen, seine eigenen Regeln zu machen – und diese dann mit allem Eifer zu brechen. Ein Mensch, der in der Inkonsequenz seine Konsequenz hat, in der Ambivalenz seine Eindeutigkeit. Und das macht ihn zu einem anregenden und faszinierenden Charakter.
Für einen kurzen Einstieg in Horsley ist sein “Guide to whoring”, den er übrigens todernst meint, ein absolutes Muss:
…und wer sich mehr für Horsley interessiert, sollte nicht nur das Buch über die Links hier auf dieser Seite bestellen (Affiliate-Links, you know?), sondern auch dieses Qtv-Interview (36min) anschauen:
Leichtathletik finde ich uninteressant.
Außer 100m-Lauf, denn da kann man Durchschnittsgeschwindigkeiten errechnen und sagen “alle Achtung!”
Internationale Wettbewerbe, bei denen naturgemäß die “Nation” eine Wettkampfeinheit bildet, lehne ich bekanntlich schon allein aus konzeptionellen Gründen ab. Das Trennen der Erdbevölkerung in Nationen, und das Aufhetzen dieser Gegeneinander empfinde ich als mindestens genau so dämlich, wie den Anblick der Fans, die diese Nationalstolz-Manifeste bereitwillig mitmachen, irgendwelche Fahnen schwenken, und ernsthafte Emotionen bei “ihrem” Sieg oder “ihrer” Niederlage empfinden.
Und dann gibt es noch: NEID. Das war 1936 schon bei Jesse Owens so, dem man zwar den Sieg zubilligte, jedoch nicht ohne festzustellen, dass er diesen allein mit der brachialen Kraft eines Urmenschen errungen habe, es ihm aber an jeglicher Eleganz und Technik mangele, er somit den ästhetischen Ansprüchen des Sports nicht gerecht werde.
Und heute? Heute muss sich Caster Semenya, aufgrund ihrer herausragenden Leistungen einem Geschlechtstest unterziehen, was mit Abstand die größte Demütigung ist, die einer Sportlerin zuteil werden kann. Noch dazu einer 18-jährigen. In der SZ hat man derweil nichts anderes zu tun, als möglichst viele Bilder Semenyas zu zeigen und mit allerlei Spekulationen zu garnieren, um schließlich zu festzustellen: “Die hätte man schon Testen müssen, bevor man sie überhaupt zulässt.” Diese WM wurde Semenya mit aller Sicherheit bis ans Lebensende verdorben.
Usain Bolt hingegen hat noch gute Laune, und läuft, dass es eine wahre Pracht ist, neue Weltrekorde über 100 und 200 Meter. Aber auch hier kann sich Jens Weinreich vom Spiegel nicht zurückhalten. Dem “schnellsten Clown der Welt” nämlich, gönnt er den Spaß nicht: Er stellt fest:
“Usain Bolt, welch Überraschung, wusste sich einigermaßen zu benehmen.” …und zitiert Eike Emrich (Vizepräsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes mit “Weil immer klar ist, dass er gewinnt, muss Bolt seine Wettbewerbe mit Showelementen und Clownerien aufwerten.”
Mit “Vielleicht sollte man einmal erwähnen…” leitet Weinreich dann eine breitgetretene Chronologie früherer Niederlagen Bolts ein. “Zur historischen Wahrheit zählt auch, dass er im WM-Finale 2007 vom Amerikaner Tyson Gay geschlagen wurde.”
Meine Güte, der Mann ist sich zu nichts zu schade.
Insbesondere auch nicht dafür, in Manier der Berichterstattung über Owens, Bolt das Verderben des Sports zu unterstellen: “Er hat seine ohnehin schon fabulösen Rekorde zertrümmert und die sonst noch Mitwirkenden, von Konkurrenten kann man ja nicht sprechen, gleichsam der Lächerlichkeit preisgegeben.”
“Schließlich störte Bolts Siegerrunde noch die Medaillenübergabe im Weitsprung-Wettbewerb.”
Der gute deutsche Wettkampf verläuft streng nach Zeitplan. Für die Siegerrunde eines Negers, der gerade zwei neue Weltrekorde aufgestellt hat, ist da keine Zeit vorgesehen. Und welche Genugtuung erlangt Weinreich durch das unsportliche Vorgehen der Veranstalter, Bolts Siegerrunde rüde zu unterbrechen, und gleichsam die Weitspringer zu verärgern…:
“Der Clown musste sich die Aufmerksamkeit der Menschen mit anderen Athleten teilen. So ist die Leichtathletik. So packend kann sie sein, fast ein bisschen gerecht – wenngleich nur in seltenen Momenten.”
Diese Momente sind es also, die Jens Weinreich bei dieser Leichtalthletik-WM Freude verschaffen.
Das Radialsystem war unter den ersten, die das Spreeufer yuppiesiert haben. Nicht zuletzt mit Apple-Events. Klar, da kommt so eine O2-World ungelegen.
Der Betreiber der Bar 25 haben schon vor langer Zeit selbst realisiert, dass sie Kapitalisten sind, und nehmen entsprechende Eintrittspreise, um an ihr “Spreeufer für alle” zu kommen. Als wir letztes Jahr zum Investorenbejubeln waren, wurden uns dort die Biere zum regulären Preis verkauft, tüchtig, tüchtig! Dafür, dass nicht, wie bei Kiki Blofeld, Eintritt genommen wurde, wurde die Bar25 natürlich allgemein gelobt.
Dass die Arena und ihr Club keine karitativen Einrichtungen sind, bezweifelt kaum jemand.
Das Watergate als “8.bester Club der Welt” nagt sicherlich auch am Hungertuch und sieht sich durch Investoren in seiner antikapitalistischen Existenz bedroht.
Wie kommt’s?
Klar, der Protest gegen MediaSpree ist inzwischen noch mehr Friedrichshain-Kreuzberg als Singlespeed-Rennräder und gefälsche RayBan-Sonnenbrillen in Neonfarben. Wer hier punkten will, der muss einfach dagegen sein, möglichst federführend, sonst ist er selbst MediaSpree.
Und natürlich, als Betreiber der Gelddruckmaschine Bar25 würde ich mich auch ärgern, wenn man mir diese wegnehmen wollen würde. Und als Besucher der Bar25 ärgere ich mich auch, wenn sie weg ist.
Aaaber: Ihr habt euch für den ökonomischen Weg entschieden und seid mit unserer Kohle reich geworden – und jetzt sollen wir für euch losrennen und demonstrieren, wie für ein bedrohtes Hausprojekt oder gegen Atomkraft? Für den einen gegen den anderen Kapitalisten demonstrieren? Unter dem Slogan “Spreeufer für alle”? Für die Bar25, die quasi Urheber des Gedankens ist, es eben nicht allen zur Verfügung zu stellen? Für das Radialsystem mit millionenschweren Investoren dahinter?
Wahrscheinlich!
Danke, ich bin eurer Meinung, und auch dafür, dass zumindest der größere Teil von euch uns erhalten bleibt. Aber das müsst ihr schon selbst hinkriegen. Mit Geld, wie in der Wirtschaft üblich. Kennt ihr ja.
Der Protest gegen MediaSpree ist individuell und antikapitalistisch. Und ihr könntet bei Erfolg seine Nutznießer sein. Darüber dürftet ihr euch dann freuen. Aber versucht nicht, uns euch vor den Karren zu spannen.
25 Jahre bin ich alt.
Ein Vierteljahrhundert.
Von mir aus vergeht die Zeit wie im Flug -
aber auch wenn mein Leben nicht besonders belastend war
kommt es mir bisher schon ziemlich lang vor.
und Kinder! Man lernt nicht aus:
Zuerst Laufen und Sprechen,
dann Hinsetzen und ruhig sein.
Zur Schule bin ich gegangen,
und nach 13 Jahren war auch diese Ewigkeit vorbei.
Ich habe viel im Umgang mit Menschen gelernt
und ein kleines bisschen auch im Umgang mit Frauen.
Am wenigsten vielleicht noch im Umgang mit mir selbst.
Vom kleinen blonden Linus
über den dicken schmierigen Linus
mal mit langen, mal mit kurzen Haaren,
dann auch mal mit schwarzen.
Mal in Dinslaken, mal in Oberhausen, mal in Duisburg.
Mal im Urlaub.
Jetzt in Berlin.
Eine ganze Menge kleiner Leben, Lebensabschnitte und Erfahrungen.
Ein Jahr, bevor ich überhaupt geboren wurde, kam Christian Klar in den Knast.
Er hat mehr als die Gesamtzeit meines Lebens, von meiner Geburt, bis zum heutigen Tage, dort verbracht.
Momentan ist das für ihn ungefähr die Hälfte seines Lebens, so genau wird man da gar nicht mehr rechnen.
Es gibt gute Gründe, auf diesen Staat stolz zu sein. Die Geschichte der kleinen und der großen Gnade für die langjährig inhaftierten Mitglieder der RAF gehört dazu.
dass er sich damit selbst widerspricht, weil er vorher feststellt
Er wird freigelassen nicht aus Gnade vom Bundespräsidenten, sondern aus Rechtsgründen vom Gericht (…)
lässt mich aufatmen, denn immerhin
musste ich mir heute doch nicht von einem wie Prantl
den Nationalstolz beibringen lassen.
Das Leben geht weiter.
Lieber Herr Prantl,
Von mir aus hätten Sie in diesem Zusammenhang von Gerechtigkeit reden können, von Vergeltung und Gesetzen, die nicht für die gelten, die sie selbst nicht anerkennen. Auch hätten Sie schreiben können, man solle ihn überhaupt nicht rauslassen. Oder Sie hätten die 26 Jahre gegen ein Leben aufwiegen können…
Aber mir direkt Nationalstolz wegen der Barmherzigkeit Vaterstaats nahezulegen, das finde ich nur noch frech!
Politische Positionen sind en vogue – definitiv ein Must-Have-Fashion-Klassiker. Doch auch hier steckt der Teufel im Detail: Es reicht nicht aus, einfach eine zu haben. Exklusiv und alternativ sollte sie sein. Und zum restlichen Outfit passen, ohne dass dieses sie direkt verrät. Eine falsche Position im falschen Kreise geht echt noch weniger, als der Style vom letzten Jahr – und kann eine Menge Street-credibility und props kosten. Als Style-Berater will ich euch in dieser Rubrik einige Positionen vorstellen, damit ihr im Battle nicht den Kürzeren zieht.
Wer ist dein Feind? Der deutsche Nationalismus. Und der Antisemitismus. Und somit: Jeder Feind und Kritiker Israels. Insbesondere im Moment, aber nicht ausschließlich: Islamismus. Intifada zum Beispiel geht gaaar nicht, Alter. Golfkriege schon.
Wer ist dein Freund? Israel, und zwar mein bester. Und auch seine Freunde. Also auch (Vorsicht, Diss-Gefahr!) die USA.
Krieg oder Frieden? Krieg für den Frieden. Anders kann sich die Aufklärung nicht durchsetzen gegenüber so rückständigen Regimen, wie es insbesondere die islamistischen sind. Die USA machen das schon. Kein Frieden ist möglich, solange es Antisemitismus gibt.
Kapitalismus? Lieber Kommunismus. aber den Antisemitismus in der Kapitalismuskritik kritisieren (siehe Marx). Und Personifizierungen in der Kapitalismuskritik ablehnen, das System als System kritisieren. Pragmatisch sein, evtl. sogar Neoliberalismus dem rheinischen Kapitalismus vorziehen.
Multikulti? Vooorsicht! Gefährdet die Vollendung der Aufklärung durch Toleranz mit dem nicht zu tolerierenden.
Dein Button? Flagge Israels. Bei Präsentationsversammlungen (sog. Demonstrationen) gerne auch als tatsächliche Fahne zum Winken.
Achtung: Weder die vorgestellte politische Position, noch jedwede, auch pointierte Kritik daran, sind Position des Autors! Dies soll ein einführender Beitrag zur politischen Bildung, ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder die Nichtverletzung von Eitelkeiten sein.
Und für nun über 30 Jahre folgten beide ihrem einmal eingeschlagenen Wege.
Vor 5 Jahren verkündete Gerhard Schröder dann die Agenda 2010, woraufhin (nur) Einhunderttausend Mitglieder die SPD verließen.
Diese verloren sich, wie für linke üblich und nicht verwunderlich, für einige Zeit in Diskussionen und beschlossen dann, sich mit einer auch ehemals sozialistischen Partei zusammenzuschließen und ein sozialdemokratisches Programm zu formulieren – wohl, um die Sozialdemokratie mal wieder ins Gespräch zu bringen.
Während die SPD Entscheidungen formuliert, die FDP und CDU den Rang ablaufen sollen, selbigen jedoch nur mehr Spielraum nach rechts bzw. marktliberal bietet, muss sich eine neue (alte) Sozialdemokratie nicht nur “die Linke” nennen, sondern sich zu allem Überfluss als utopisch bezeichnen lassen.
Und während die “Separatisten” von der Linken, die bei ihrer Überzeugung geblieben sind und in logischer Konsequenz eine neue Partei gründen mussten, in Wahlen immer mehr zulegen, zerfetzt sich die SPD in der Diskussion darüber, ob man “mit denen” (die genau das sagen, was man selbst vor 6 Jahren noch gemeinsam mit ihnen gesagt hat!) koalieren will / darf – weil dies ja schließlich das Eingeständnis beinhalten würde, dass man entweder 5 Jahre lang größte Scheiße gebaut hat, oder aber vom Machthunger zerfressen ist.
Und so kommt es, dass die SPD heute einen Vorsitzenden hat, der es innerhalb von einer Woche ohne überhaupt mit der Wimper zu zucken, vollbringt,
1. (Montag) seine Partei in der Frage nach der “Koalierbarkeit” der Linken (die genau gegen die SPD-Sozialpolitik der letzten 5 Jahre steht) fast zu zerfetzen, dann aber mit einem klaren “Ja.” hinter sich zu vereinen – und somit das Eingeständnis zu signalisieren, dass die SPD der Sozialdemokratie verpflichtet sein könnte.
Bush hält zum letzten Mal die januärliche Rede zur Lage der Nation. Dass diese opportunistisch und euphemistisch ist, darin unterscheidet er sich wohl kaum von Vorgängern, Nachfolgern und Kollegen in aller Welt, deswegen interessieren die Inhalte wohl wenig. Auch ein satirisches Ausbreiten der Konfrontation mit der Realität und den Inhalten vorangegangener Reden will ich mir ersparen.
Viel mehr möchte ich meine verspätete Freude darüber ausdrücken, dass es nun wirklich das letzte Mal ist, und ein Scheiden des Mannes in greifbare Nähe rückt.
Allerdings muss ich mich auch wundern: Schon lang bevor er 2000 nicht gewählt und 2001 inthronisiert wurde, bedurfte es keiner besonderen Fähigkeiten oder Kenntnisse, vorherzusagen, dass am Ende eine solche Situation und eine solche Rede stehen würden, war doch seine offenkundige Verdorben- und Dummheit selbst für Amerikaner erkenntlich.
Dies gibt ausreichenden Grund zu der Annahme, dass genau dies herbeigeführt werden sollte:
Alki wählen,
4 Jahre Dada-Politik,
4 Jahre Schenkelklopfen
…und so der Allmacht und Arroganz der Herrschenden einen Dämpfer verpassen.
So weit, so gut.
Was aber wirklich keine Sau ahnen konnte, ist dass dieses Ende tatsächlich erst 2009 nicht erreicht werden würde, und man sich 2004 eben nicht in Anbetracht des durch den kleinen Scherz angerichteten Schaden der Bedeutung des “mächtigsten Mannes der Welt” besinnen würde:
Die Besetzer des amerikanischen Landes ließen wie üblich internationale Umsicht vermissen und lachten freimütig über die Dada-isierung des kompletten politischen Apparates, für die ein paar Kriege als Gewürz willkommen waren.
Und auch in Zukunft scheinen die Amerikaner mit der Demontage der Macht durch gezielte, absichtliche und plumpe Installation einer Verarsche zur Belustigung des Volkes fortfahren zu wollen: Jetzt lassen die offenen Rassisten und Sexisten zu ihrer Belustigung an der Verunglimpfung der Obrigkeit sogar Frauen und Schwarze ernsthaft am Wahlkampf teilnehmen.
Ein unzurechnungsfähiger Alkoholiker mit Cowboyhut firmierte zwar gut als Persiflage ihrer selbst, bot aber wohl noch zu viele Identifikationsmöglichkeiten, um vollends darüber lachen zu können.
Die Erprobung, Diskussion und Evaluation alternativer Herrschafts-, Ordnungs-, und Regierungsformen im makrosoziologischen Bereich ist noble Pflicht des politisch Interessierten.
Um dieser Pflicht Genüge zu tun, befindet sich momentan bei mir im Test:
die dynamische, einzelfallorientierte Hausordnung
Ergebnisse der ersten Zwischenevaluation:
Vorteile:
- leicht verständlich, geringer Umfang
- absolute Eindeutigkeit in 100% der Anwendungsfälle
- minimaler Interpretations- und Auslegungsspielraum
- hohe Verfahrenseffizienz, schnelle Urteilsfindung
- ebenso schnelle Vollstreckung
- juristische Widerspruchsmöglichkeiten (Revisionen, Bemängelung von Verfahrensfehlern) erübrigen sich, weil sie ebenfalls in der Hausordnung geregelt sind.
- Regierungswechsel und Revolutionen unkompliziert
Horst Stowasser, wahrscheinlich bekanntester deutscher Anarchist, las und laberte heute im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin. Natürlich waren es Interesse, Notwendigkeit und Selbstverständlichkeit, die ein Fehlen für mich nicht in Frage kommen ließen – und mich dann einer herben Enttäuschung aussetzen.
“Anarchie ist machbar…”
Mit diesem Titel kündigte die taz die Lesung an. Leider schaffte es Stowasser nicht, über dieses Niveau herauszuwachsen, geschweige denn, diese Aussage auch nur im Ansatz zu begründen.
Es sei jedoch außer Frage gestellt, dass Stowasser dazu in der Lage ist, hat er doch durchaus eingehend zum Thema recherchiert, und nachweislich fundierte Kenntnisse in seinen (m. E. zu Unrecht) als Standardwerke geltenden Büchern dokumentiert.
Bereits an seinen bisherigen Veröffentlichungen störte mich die wenig differenzierte, unkritisch romantisierende und verherrlichende Darstellung der immer noch (viel zu) wenigen (temporär) erfolgreichen anarchistischen Projekte.
Sein neues Buch umfasst 510 Seiten, und sollte an diesem Abend vorgestellt werden. Oder vielmehr die Anarchie, wie der Autor sein Ziel zu Beginn erklärte, was Böses ahnen ließ, und schlimmstenfalls als Beleidigung, bestenfalls als katastrophale Unterschätzung des Publikums zu werten war, das auf einleitende Nachfrage durchaus die eine oder andere interessante Definition zitieren konnte. Stowasser hingegen zitiert seinen Vater und stellt einleitend fest “Anarchie ist Quatsch.”
Und als solche stellt er sie denn auch dar. Die Undifferenziertheit der Darstellung und Beschreibung, die jegliche theoretischen Überlegungen, jedwede Anlehnung an Wissenschaft, oder sei es nur Philosophie, vermissen lässt, auch an Stellen, an denen wissenschaftliche Untermauerung auf der Hand liegt, wird nur von seinem äußerst angenehmen Schreibstil, und der noch angenehmeren Art, vorzulesen, überboten. Allein, wer soll das alles lesen, nur weil es angenehm geschrieben ist? Wer soll sich stundenlang die Dinge, die er/sie schon weiß, vorlesen lassen, nur weil der Vorleser gut vorliest?
Und so erzählt er auch in epischer Breite und ganz und gar nicht ohne Stolz, wie oft er seiner Tochter etwas vorlese, und deren Freundinnen deshalb so gerne zu Gast seien. Überhaupt bekommt der Hörer schnell den Eindruck, dass es der Hang zur Selbstdarstellung und die Freude am Vorlesen und Labern sind, die Stowasser an diesem anekdotengeschwängerten Abend antreiben, während sich andererseits der Verdacht aufdrängt, in den allabendlichen Vorleserunden den Grund für den oberflächlichen Schreibstil und die einen Erwachsenen konsequent unterfordernde Inhaltsarmut den Buchs gefunden zu haben, in dem jedes Kapitel wie eine Kindergeschichte mit Happy End zu enden scheint, obwohl doch zentrale Fragen (in diesem Buch) ungeklärt bleiben, notwendige Diskurse nicht geführt werden. Was sich wie ein roter Faden durch die ausgewählten Kapitel zieht, ist das immer wieder fehlende Argument.
Normative Konzepte wie Kriminalität werden nicht in Frage gestellt, es wird die alte Überlegung vom an der Gesellschaft erkrankten Individuum bemüht, aber nicht vertieft, und schließlich mit einer 50 Jahre alten Polizeistatistik “belegt”, dass die Kriminalitätsrate nicht ansteige, wenn “alle Knackis” rauskommen – aber warum man sie rauslassen müsse, versäumt er abermals auch nur andeutungsweise zu begründen. “So viel zum Thema Kriminalität, das Ökonomie-Kapitel überspringe ich, denn das hat (betonend) vier-und-vier-zig! Seiten…” (das muss ja wirklich sehr komplex sein)
Und so fehlte mir in der Pause auch die Begründung, mich nicht den in Scharen davonströmenden Menschen anzuschließen.
Mein Freund und Nachbar Frank ist vorgestern gestorben. Ich fand seine Leiche auf dem Weg in den Hof. Sie war in der Tür eingeklemmt – und zwar nicht dort, wo die Türklinke ist, sondern auf der Seite der Scharniere. Ich war der erste am Tatort, kam aber für jede Hilfe zu spät.
Selbst wird Frank sich die Schädel- und Thorso-Quetschungen, die zu seinem Tod geführt haben, nicht zugefügt haben können. Für einen Selbstmordversuch machte er immer einen viel zu lebensfrohen und vitalen Eindruck. Auch seine wirtschaftliche Lage ließ keine Wünsche offen: Angenehme, “szenige” Wohnlage, immer genug zu essen (wofür häufig ich gesorgt habe), allein in letzter Zeit wurde es in Anbetracht des Wetters ein bisschen unangenehmer… Ich muss zugeben ich weiß nicht, wie es um seine Beziehung stand, und habe seine Freundin nach Franks Tod auch nicht mehr gesehen. Nicht zuletzt aber war Frank sicherlich auch zu schwach, sich diese Verletzungen mit der Tür aus eigener Kraft zuzufügen.
Die ganze Sache also leichtfertig als Unfall zu bezeichnen, und zu akzeptieren, fällt mir schwer. Aber wer sollte Frank etwas böses gewollt haben? Soweit ich weiß, hatte er außer dem Ehepaar Elster, das aber nach hinten raus gewohnt hat, und schon vor einiger Zeit ausgezogen ist, keine Feinde, und erst recht keine, die die notwendige Kraft und ein Motiv für einen derart brutalen und unbarmherzigen Mord hätten.
Frank, die Umstände, die zu deinem Tod geführt haben, werden mir wohl immer ein Rätsel bleiben, ebenso wie die Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit der friedlichen, liebevollen Fürsorge, die unsere Nachbarschaft geprägt hat. Ging es mir schlecht, hast du mich durch einen kleinen Besuch am Fenster aufgemuntert. Hattest du Hunger, so gab es bei mir immer etwas.
Als letzte Ehrerweisung habe ich deinen leeren Meisenknödel auf Halbmast gehängt.